Uber die Bestrebungen der französischen Könige des 10. Jahrhunderts, Lothringen für Frankreich zu gewinnen,
mit besonderer Berücksichtigung der Darstellung Richer's.
Es war wohl vorauszusellen, dass der im August des Jahres 843 abgeschlossene Teilungs- Vertrag von Verdün nicht von langer Geltung sein, dass namentlich das damals gebildete fränkische Mittelreich keinen dauernden Bestand haben werde. Denn dasselbe war nicht nur aus sehr ver- schiedenartigen Bestandtheilen zu einem langgestreckten und verhältnissmässig schmalen Gebiete Zzusammengesetzt, das sich über etwa 10 Breitengrade erstreckte, sondern auch, venigstens in der Nordhälfte, beim Mangel natürlicher Grenzen. teils dem germanischen Osten, teils aom romanischen Westen zugeneigt. Der erste Beherrscher dieses mittleren Frankenreiches, Kaiser Lothar I., starb 12 Jahre nach dem Vertrage von Verdün 855, nachdem er seine Länder unter seine drei Söhne so getheilt hatte, dass der älteste, Ludwig II., Italien mit der Kaiserwürde, Lothar(II.) die mittelfränkischen, Deutschland und Frankreich trennenden Nordprovinzen, die in der Folge nach Lothar Lotharingien genannt wurden, der jüngste Karl die Provence erhielt. Im August des Jahres 869 starb König Lothar von Lotharingien, ohne legitime Söhne als Erben zu hinterlassen. Daher waren seine beiden Oheime, die Könige des Ost- und Westfrankenreiches, mit Ansprüchen auf die vorläufig herrenlos gewordenen Lande schnell bei der Hand. Insbesondere war es Karl der Kahle, der König des fränkischen Westreiches, welcher ländersüchtig, wie er war, und gewissenlos über frühere Verabredungen, die er mit seinem Stiefbruder Ludwig von Ostfranken zur Erbtheilung Lotharingiens getroffen- hatte, hinwegsah und sich nach Lothars Tode eiligst (Schon am 9. September 869) zum König von Lotharingien in Metz krönen liess. Allein durch energische Kriegsdrohung bestimmte König Ludwig von Ostfranken, der noch kurz vorher krank gelegen hatte, den Bruder, seine Ansprüche auf Lothringen jenen Verabredungen gemäss einzu- schränken. Der am 8. August 870 zu Meerssen an der Maas abgeschlossene Vertrag teilte Lothringen zur Hälfte Deutschland, zur Hälfte Frankreich zu. Kaum jedoch war Ludwig der Deutsche im August 876 gestorben, so hielt Karl der Kahle den Zeitpunkt für gekommen, wo er
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Entstehung eines deutschen Reichslandes Lothringen.


