Jahrgang 
1877
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ganze Jahrhundert nach Christus war die Erwartung des grossen Königs und allgemeinen Erretters im Orient und im Occident rege und lebendig. Mit dieser Thatsache hängt wohl auch die sonst unerklärliche Erscheinung zusammen, dass römische Cäsaren dieser Zeit, die gerne der verheissene Weltfürst sein wollten, göttliche Würde sich beischrieben und göttliche Verehrung verlangten und erhielten.

Kehren wir nach dieser Abschweifung zu unsrer vierten Ecloge zurück, so dürfte jetzt klar geworden sein: Was Virgil dort über den ersehnten Göttersohn singt, ist nicht eigne poetische Erfindung. Der Dichter ist der Mund, durch den die grosse Erwartung der Völker vor ihm und nach ihm sich ausspricht die Messiasidee in heidnischem Ge- wande. Auch die tiefsinnigen, farbenprächtigen, hier und da majestätischen Bilder, unter denen sinnlich anschaulich die geistige Herrlichkeit des kommenden glückseligen Friedens- reiches geschildert wird, sind nicht durchweg von ihm erfunden. Manches hat schon Hesiod ¹), in dessen Werken griechisch-orientalische Anschauungen niedergelegt sind. Bei andern Bildern zeigen sich offenbar Anklänge an die heiligen Schriften des alten Testa- mentes, so z. B., dass das eiserne Alter schliesst und eine neue Zeit beginnt, 2) dass der Götterknabe durch des Vaters Kraft den Erdkreis 3) als göttlicher Friedensfürst 4) be- herrscht, dass das Rind nicht mehr den gewaltigen Löwen fürchtet5), dass die Schlange sterben 6), Himmel, Erde und Meer beim Kommen der neuen Zeit bewegt, 7) der messia- nische Segen unter dem Bilde wunderbar umgewandelter und autblühender, sichtbarer Natur) dargestellt wird.

Virgil nennt als Quelle für sein Gedicht die cumäische Sibylle, die wie Servius bemerkt, die Zeit von Anbeginn der Menschheit an in vier Weltalter theilte: das goldene unter Saturn's, das silberne unter Jupiter's, das eherne unter Neptun's und das eiserne unter Apollo's Herrschaft; nach Ablauf der eisernen Zeit sollte wieder das goldene Alter anheben. Die Weissagung des goldenen Zeitalters findet sich auch in den oben) mitge- theilten Versen 784 bis 794 des dritten Buches der uns erhaltenen sibyllinischen Orakel, welche der hebräischen Sibylle zugeschrieben werden. Priedlieb ¹1⁰) meint darum, man könne dieser hebräischen Sibylle auch den Namen der cumtischen geben und annehmen, Virgil habe aus ihr geschöpft. Ewald wird aber eher Recht behalten, wenn er schreibt ¹¹): In dieser Ecloge benutzt Virgil gewiss ein alexandrinisches Idyll, welches auch wenn von einem Heiden geschrieben, unstreitig messianische Gedanken und Bilder in sich auf- genommen hatte, selbst also zuletzt auf ein sibyllisches unsrer Art zurückgehen musste. Dieses wurde aber von der cumäischen Sibylle abgeleitet und enthielt offenbar noch manche

1) Z. B. Op. et D. V. 116 ff. V. 236. 2) Daniel 2. 41. 44.

3) Daniel 7. 13. 14.

4) Isai. 9. 67.

5) Isai. 11. 6. 7

6) Genes. 3. 15.

7) Agg. 2. 7. u. 8.

8) Isai. 41. 18. 19.

9) Seite 8.

10) Orac. Sibyll. Einleitung S. XXXIX. 11) a. a. O. S. 83.