17 andere messianische Hoffnungen, die wir in unserem(dritten Buche der sibyllischen Orakel) nicht finden. Das Gedicht dieser Sibylle war nun wohl dasselbe, welches man sonst nach der chaldäischen(babylonischen) oder persischen Sibylle(X.νκκνρ νϑQν) nannte.“
Von frühe an durch das ganze Mittelalter wurde denn auch Virgils vierte Ecloge als Weissagung über den Welterlöser aufgefasst ¹). Zuerst geschieht ibrer Erwähnung in der ursprünglich lateinisch geschriebenen, dann in's Griechische übersetzten oratio ad sanct. coetum Constantin's des Grossen ²); dort ist die vierte Ecloge griechisch übersetzt ³) und entschieden auf Christus gedeutet. Der Dichter, meint Constantin, habe wohl die Mensch- werdung des Gottessohnes gekannt, aber die Wahrheit verhüllt und auch Götterglauben eingemischt, um nicht als Verletzer der väterlichen Gesetze und des alten Götterglaubens verfolgt zu werden. Die Jungfrau ist nach Constantin's Auslegung Maria, ihr Sohn der Erlöser, die Schlange der Satan. Aebren und Trauben sind die guten Werke der Christen, der neuerdings zum Kriege nach Troja geschickte Achilles ist der zum Kriege gegen die satanische Macht in die Welt gesandte Messias. Lactantius ¹) bezieht gleich- falls die Ecloge auf Christus, aber auf dessen zweite Wiederkunft zur Stiftung des(durch falsche Deutung von apoc. 20. 2, ff. erträumten) tausendjährigen, sinnlich glückseligen Reiches, das Lactantius durch Verse Virgils schildert. Auch bei Augustinus finden sich wiederholt Verse aus unserer vierten Ecloge und stets auf Christus gedeutet 5). Hierony- mus ⁵) citirt ebenfalls dieses Gedicht, weist aber dabei die zurecht, welche Virgil zu einem förmlichen Christen machen möchten. Im zwölften Jahrhundert ist es Abälard?), der meint: Virgil möge wohl selbst nicht gewusst haben, was die Sibylle oder der heilige Geist in ihr sprach, ähnlich dem Kaiphas(Joh. 11. 51.), der, ohne es zu wissen, weissagte. Passend könne die Ecloge aber nur auf den menschgewordenen Gottessohn bezogen werden. Nach aller Urtheil sei es unglaublich, dass Virgil darin habe Menschen schmeicheln wollen, was ihm auch kein Wohlwollen gebracht, sondern nur zum Unwillen gereizt hätte. Im fünfzehnten Jahrhundert widmet Marsilius Ficinus ²8) unserer Ecloge ein ganzes Capitel, worin er bebauptet, der Dichter habe die Mysterien der sibyllischen Bücher nieht verstanden, doch aber das gefühlt, dass die Zeit der Ankunft des Welt- erlösers in nächster Näbe sei.
Die Ansicht der Männer der Wissenschaft nahm auch die Legende auf und feierte Virgil als Verkünder des Messias. Statius, berühmt geworden durch Dante?), schreibt Virgils Werken seine Bekehrung zu und drei Heiden: Secundianus, Marcellianus und Verianus werden durch die Verse: Ultima Cumaei etc. plötzlich erleuchtet und aus Christen- verfolgern Martyrer ¹⁰).
1) Die Uebersicht ist nach Dr. Ferdinand Piper: Virgilius als Theolog und Prophet des Heidenthums (im evangelischen Kalender von 1862).
2) Euseb. vita Const.
3) abgedruckt in Heyne's Ausgabe des Virgil, vierte Auflage von Wagner. Band I. S. 250.
4) divin. instit. VII. 24.
5) Com. in ep. ad Rom. epist. 137 ad Volusian. c. 12. epist. 258 c. 5. de civit. Dei X. 27.
6) epist. 53. ad Paulin o. 7.
7) a. a. O.
8) a. a. O.
9) Purgat. XXII. 67 ff.
10) Vincent. Bellovac. Spec. hitt. XI. c. 50.


