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Theueres Götterkind, o grosser Jupitersprosse!
Sieh mit gewölbeter Last das hoch erschauernde Weltall,
Länder rings, und die Räume des Meers und die Tiefen des Himmels, Siehe, wie Alles sich freut des kommenden Wonnejahrhunderts! Dauerten mir doch so lange die letzten Tage des Lebens,
Und ein Geist, der im Stande, von deinen Thaten zu singen!
Nicht soll dann im Gesang mich besingen der Thrazier Orpheus, Linos nicht und stünde dem Orpheus Kalliopea
Mütterlich bei und dem Linos sein schöner Vater Apollo.
Wenn selbst Pan mich bekämpft vor Arkadiens Richtern im Wettstreit, Soll auch Pan sich besiegt vor Arkadiens Richtern erklären.
Auf, holdseliges Kind, und erkenn' am Lächeln die Mutter:
Vieles ertrug die Mutter in zehn langwierigen Monden ¹);
Auf, holdseliges Kind! Wen nicht anlachten die Eltern,
Würdigte weder des Tisches der Gott, noch die Göttin des Lagers.
Schon beim ersten Lesen überrascht der ganz wundersame Inhalt des begeisterten und begeisternden Gedichtes. Nahe steht eine glückselige, goldene Zeit, so jubelt der Dichter, ein Knabe entsteigt dem erhabenen Himmel, er ist ein theueres Götterkind, ein grosser Jupitersprosse. Göttliches Leben empfängt er, unter den Göttern selbst ist sein Wandel und in des Vaters Kraft beherrscht er den Erdkreis als Friedensfürst. Ungeduldig erharret der Sänger sein Kommen. Dass er es doch noch erlebte, von seinen Thaten zu singen! Mächtig und zauberhaft wollte er's thun und über alle jemals gepriesenen Sänger den Preis sich erringen. Im Gefolge des kommenden Götterknaben wird wundersam sich ändern die ganze Erde. Die Spuren menschlicher Verschuldung werden getilgt, der ewige Schrecken weicht von den Ländern, und Friede erfüllt den Erdkreis. Unter ganz unge- wöhnlichen Bildern wird der Segen der kommenden goldenen Zeit geschildert. Dem zarten Kinde trägt ohne jeglichen Anbau die Natur herrliche Blumen, währand giftiges Gewächs und schädliches Gethier verschwindet. Beim Heranwachsen des Knaben bietet die Flur ihre gelben Aehren, am wilden Dorn hängen Trauben und aus harter Eiche tropft süsser Honig. Doch muss der Boden noch bebaut und zum Austausch der Waaren das Meer in Schiffen befahren werden; auch bedürfen die Städte fortwährend schirmender Mauern, da der Krieg noch herrscht. Ist der Göttersohn aber zum Manne geworden, dann hört Anbau des Bodens und Schiffahrt auf, in allen Ländern ist Alles in Ueberfluss. So ist's im Gebote des Schicksals geordnet und das ganze All: Himmel, Meer und alle Lande jubeln dem kommenden Wonnejahrhundert entgegen.
Dies ist der Inhalt der wundersamen vierten Ecloge, die Virgil dichtete 40 v. Chr., als der Friede von Brundusium zwischen Mäcenas und Pollio geschlossen, eine neue Theilung der Gewalt zwischen Octavianus und Antonius verabredet, die Acht weggenom- men wurde und das Unglück des Bürgerkriegs zu Ende schien.
Unmöglich kann Jemand im Ernste das über den Götterknaben Gesagte auf den zur Zeit Virgils erwarteten Sohn Pollio's, den Asinius Gallus, genannt Saloninus beziehen
1) Die drei letzten Verse sind nach der Uebersetzung von Voss.


