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Virgil ¹) heisst sie die„Alte“; sie zühlte nach Ovid ²) damals schon 700 Jahre und hatte noch 300 zu leben. Auch die Sibylle von Cumä, welche dem Tarquinius erschien, tritt als„Alte“ auf.
Dass es jemals eine Sibylle als wirklich historische Person gegeben habe, muss sicher verneint werden. Die Schriftsteller des heidnischen Alterthums scheinen es freilich durchweg anzunehmen. Auch hervorragende christliche Schriftsteller wie Justin, Theo- philus von Antiochien, Lactanz, Hieronymus, Augutinus u. A. sind trotz der christlichen Abneigung gegen das heidnische Orakelwesen dieser Ansicht und behaupten: die Sibyllen hätten summi numinis afflatu(durch Eingebung Gottes) gesprochen ³). Aber damit äussern sie nur Privatmeinungen; die Kirche selbst hat nie eine solche Behauptung aufge- stellt, weil sie sich nicht begründen lässt. Nirgends tritt eine Sibylle als wirklich historische Persönlichkeit auf; stets umgibt sie das Unbestimmte, Räthselhafte, hie und da Wider- sprechende der Verhältnisse, was die Sage charakterisirt. Ewald ¹), der entschieden leugnet, dass„jemals eine Sibylle menschlich gelebt und ihre Worte gesprochen habe“, erklärt sich die Sache in seltsamer Art. Nach seiner Ansicht galten dumpfe, klagende und seufzende Laute über Höhlen und Gewässern als göttliche geheime Stimmen und An- deutungen; diese geistige Einbildung wurde in künstlicher Poesie von Weissagern und Dichtern gewisser griechischer Stämme Kleinasiens weiter geheimnissvoll und dunkel aus- geführt. Lüken ⁵) gibt über den Ursprung der Sibyllenorakel annehmbarere Auskunft. Bei den Alten wird, so schreibt er, als älteste Sibylle, von der alle anderen den Namen erhalten haben, die delphische genannt. Sie ist nach der Sage identisch mit der Themis, die eine Titanin, Tochter der Ii und Mutter der Aiw, war und im goldenen Zeitalter (der paradiesischen Urzeit) auf Erden weissagte. Ihr schrieb Aeschylus 6) die berübmte Weissagung zu: dass einst das eiserne Zeitalter Jupiters aufhören und Einer kommen würde, der mächtiger als Jupiter sei; dann würde auch der erste Mensch erlöst werden und zwar durch den vom sterblichen Weibe geborenen Sohn des Zeus. Themis, die erste Sibylle, so schliesst Lüken, ist offenbar Eva und das Protoevangelium ist also der Ur- sprung der Sibylle und sibyllinischen Weissagung; nur findet der Unterschied statt, dass in der Bibel die Weissagung von Gott ausgeht, während sie in den Ueberlieferungen der Heiden dem ersten Weibe, bei manchen Völkern(Indern, Persern) auch dem ersten Manne in den Mund gelegt wird. Neben dieser Verheissung eines grossen Welterneuerers und Friedensbringers finden sich bei allen Völkern als Weissagungen der Urzeit auch die Vorhersagung der Fluth und des Endes der Welt angegeben. Selbst bei den Juden be- stand nach dem Berichte des Flavius Josephus?) die Sage, dass Adam die Sündfluth und den einstigen grossen Weltbrand vorhergesagt habe.
Man theilt die Sibyllen ein in heidnische, jüdische und christliche. Ausser wenigen Fragmenten bei Herodot, Strabo, Lucian, Pausanias, Clemens Alexandrinus, Eusebius, Lactantius, Augustinus, Proclus u. A. haben wir über den Inhalt der verloren gegangenen
1) Aen. VI. 746.
2) Metam. XIV. 144 ff.
3) Alzog, Grundriss der Patrologie. 2. Auflage S. 88. 4) a. a. O.
5) a. a. O. S. 17 ff.
6) Prom. vinct. V. 906 ff.
7) archaeol. I. 3.
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