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heidnischen Sibyllenbücher nur noch dürftige Nachrichten späterer Schriftsteller. Fasst man alles Erhaltene zusammen, so hat die heidnische Sibylle ¹)(neben Anderem, was auf politische und sociale Verhältnisse der verschiedenen Zeiten sich bezog und ausserhalb unsers Zweckes liegt) die Zeit vom Beginne der Menschheit an in zehn Zeitalter einge- theilt; sie benannte dieselben nach den Metallen(goldenes etc.), gab an, wer in jedem Zeitalter regieren solle(Saturn, Jupiter etc.) und dass der König des zehnten und letzten Zeitalters Apollo sei, nach dessen Regierung das goldene Zeitalter wiederkehre. Es wird von ihr auch geweissagt über die Fluth, das Weltende, namentlich aber über den grossen König und Gottessohn, den Friedensbringer, Welterneuerer und Wiederhersteller des goldenen Zeitalters.
Da die Sibyllenschriften nach dem Zeugnisse der Geschichte grosse und mächtige Wirkungen unter den Heiden ausübten, so glaubten Christen und Juden nicht anstehen zu dürfen, auch ihrerseits die grossen Wahrheiten, Hoffnungen und Erwartungen ihrer Religion unter dieser einmal gangbaren Form den Gebildeten der Heidenwelt in den be- liebten griechischen Hexametern vorzutragen. Die uns erhaltenen jüdischen und christ- lichen in griechischer Sprache abgefassten Orakel ²) gehören verschiedenen Zeiten an. Nach Ewald ist das erste und zweite Buch um 300 n. Chr., das vierte und fünfte um 80 n. Chr., das sechste und siebente um 138 n. Chr., das achte um 217 n. Chr. verfasst. Das neunte und zehnte Buch fehlen. Angelo Mai lies 1817 das vierzchnte Buch zu Mailand und das elfte, zwölfte und dreizehnte Buch 1828 zu Rom zum ersten Male drucken. Ohne Zweifel sind in diese christlichen und jüdischen Orakel heidnische Sibyllen- sprüche einverwebt, aber es ist unmöglich, sie mit Sicherheit als solche zu erkennen und auszuscheiden.
Aus den Sprüchen christlicher Sibyllen geben wir als Probe das berühmte Akrostichon ³), wo die Anfangsbuchstaben der Verse hintereinander gelesen die Worte: InGοιςι 2˙⁸σ⁶ς, Oeod V¹09, NXoτ ο, Iαυνος(Jesus Christus, Gottessohn, Erlöser, Kreuz) bilden; die Anfangsbuchstaben der fünf ersten von letzteren Worten zusammengestellt er- geben wieder 12(Fisch) das altchristliche Symbol für Christus 4). Die bekannte Sequenz des Thomas von Celano: Dies irae, dies illa, solvet saeclum in favilla teste David cum Sibylla weist auf dieses Akrostichon hin und entlehnt von dort vielfach ihre Schil- derungen. Es findet sich im achten Buche V. 217— 250 und lautet griechisch und deutsch nach Friedlieb ⁵):
10 οεαι ydo 9⁴ν Oi*εαιό σeέακεονꝙ Ʒτσαιε
HESe d 00,˙eν 5αιες αεσσ ⁶ O‿‿⁵
Adoνα—ππαυιννπ⁴‿σσν*Oνα τα νοσσόν mπμιασντεα. ———
1) Wir folgen der Ansicht Lükens, wonach die zu verschiedenen Zeiten auftretenden Sibyllen nicht wirkliche Persönlichkeiten. sondern hier und dort neu auftauchende Weissageschriften(den Orts- und Zeit- verhältnissen entsprechend modifccirt und mit Zusätzen vermehrt) sind, denen der Name einer Person bei- gelegt wird.
2) Oracula Sibyll. ed. Priedlieb. Lips. 1852. Oracula Sibyll. ed. C. Alexandre. Par. 1841— 56.
3) Cicero de divin. II. 54 nennt schon die Akrostichen als besonders charakteristisches Merkmal der Sibyllen. 4
4) Die lateinische Uebersetzung des Akrostichon aus Aug. de civit. Dei XVIII. 23 wurde im Mittelalter auf Weihnachten feierlich in den Kirchen Frankreichs gesungen. Martene de ritibus t. III. p. 95. b.
5) a. a. O. S. 150 ff.


