1. Die Sibyllen.
Uns ist in alten Zeiten Wundersviel geseit. Nibelunge Not.
Sibylle ist seit uralten Zeiten und noch fortwährend ein zauberhaftes Wort und sibyllische Weissagung eine räthselhafte und geheimnissvolle Sache. Es wird darum ein allgemeines Interesse bieten, etwas näher über den Ursprung und die Entwicklung der sibyllinischen Weissagungen, soweit sie dem Zwecke dieser Abhandlung entsprechen, zu reden ¹). Gehen wir in das Alterthum zurück, so erhalten wir dort nur geringe und äusserst verwirrte Nachrichten über die Sibyllen. Die ältesten Autoren scheinen nur Eine Sibylle zu kennen. So sagt Theocrit(500 v. Chr.) ²):„Die Sibylle, nicht zu ver- lachendes, unschmeichelndes und ungeschminktes verkündend, erreicht mit ihrem von Gott eingegebenen Worte tausend Jahre“. Bei Plato ³) sagt Socrates: wenn er von der Sibylle und anderen erzählen wollte, die durch ihre von Gott eingegebene Weissagung vieles vielen voraussagend die Menschen aufgerichtet hätten in Rücksicht auf die Zukunft, so würde er nicht zu Ende kommen. Spätere Schriftsteller nennen bald 2, bald 3, 4 bis 10, die spätesten selbst 12 Sibyllen. Tacitus weiss nicht, ob es eine oder mehrere Sibyllen gegeben hat ⁴). Varro, der Freund Ciceros, gibt eine Erklärung des Wortes Sibylle ⁵). Im dolischen Dialecte habe man, schreibt er, die Götter Stoug statt Osodg und Rathschluss Bulr statt Bowir genannt, somit heisse Sibylle soviel als Geνποιι Gottesrathschluss. Er zählt 10 Sibyllen auf: die persische, libysche, delphische, cumäische, erythräische, samische, cumanische, hellespontische, phrychische und tiburtinische. Wie über die Zahl, so herrscht auch über die Bedeutung des Namens Sibylle keine Uebereinstimmung bei den Alten; die meisten sehen darin nicht einen Personen-, sondern einen Gattungsnamen für alle weissagenden Frauen, worauf auch die Etymologie des Wortes hinweist 6). Die Frage über die Herkunft der Sibylle ist gleichfalls bei den alten Sechriftstellern ungelöst geblieben. War es eine Göttin oder Halbgöttin? Sie wussten es nicht. Während sie selbst sich bald Gattin, bald Schwester oder Tochter des Apollo nannte, stellte man sich die räthselhafte Erscheinung gerade nicht als ein böses, doch meist als ein zauberhaftes, der Unterwelt angehöriges Wesen vor. Bei Virgil?) ist sie Priesterin der Hecate und wohnt in der Höhle am Eingange in die Unterwelt ³). Als Zeit, wann die Sibylle lebte, wird von den Alten die fernste mythische angegeben. Heraclides von Pontus, Schüler des Aristoteles, hält sie?) für älter als den ältesten mythischen Seher Orpheus. Bei
1) Unter Zugrundlegung von Dr. H. Lüken: die sibyll. Weissagungen. Würzburg 1875. Hrch. Ewald: Abhandlung über Entstehung, Inhalt und Werth der sibyll. Bücher(in den Abhandlungen der Kgl. Gesell- schaft der Wissenschaften zu Göttingen. Band s von den Jahren 1858 und 1859) S. 43 ff. Oracula Sibyll. ed. Friedlieb. Lips. 1852.
2) A. Fabr. bibl. gr. I. p. 229.
3) Phaedr. p. 244.
4) annal. VI. 12: una seu plures fuere.
5) in der bei Lactant. div. instit. I. 6. erhaltenen Stelle.
6) vergl. Anm. 5.
7) Aen. VI.
8) Vergleiche die interessante Schilderung eines Besuches dieser Höhle bei J. Gaume: Rom in seinen drei Gestalten. Deutsch. Regensburg Manz, Band II. S. 404 ff.
9) bei Clem. Alexdr. Strom. I. p. 139.


