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„Die Erziehung soll den Menschen zu einer sittlichen Persönlichkeit heran- bilden und ihn damit ausrüsten für die grossen Lebensgemeinschaften, in denen er zu wirken berufen ist, deren Unvollkommenheiten entgegenzutreten er Kraft und Freiheit besitzen soll.“ Was Goethe in den Versen ausdrückt:
„Höchstes Glück der Erdenkinder
Ist doch die Persönlichkeit“ was das alte Sprichwort lehrt: Non scholae sed vitae discimus— nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir— das ist in dieser Definition mit einander verschmolzen.„Als Ziel soll dem Erzieher bei seiner Tätigkeit das Ideal der Persönlichkeit vorschweben, die Ausgestaltung eines sittlichen Charakters, der die Welt in ihrem Sein und Wirken mit vollem Verständnis erfasst und auch mit ganzer Kraft zielbewusst auf sie zurückzuwirken strebt.“ Steht so das Erziehungs- ziel im allgemeinen fest, so werden wir im besonderen fragen müssen, welche: Stellung denn die Zöglinge, in unserem Falle also die Mädchen, in den grossen Lebensgemeinschaften einzunehmen bestimmt sind. Der erste und wichtigste, der höchste und schönste Beruf der Frau war, ist und bleibt der der Gattin, Mutter und Hausfrau. Für diesen Beruf also müssen wir vor allem unsere Tachter tuchtig zu machen suchen, und wer da glaubt, dass damit das Ziel unserer höheren Madschenschulbildung zu niedrig gesteckt sei, der weiss offenbar nicht, welch ungeheurer Anteil an der Erziehung des heranwachsenden Geschlechtes heutzutage auf den Schultern der Mütter ruht, welch hohe kulturelle, welch hohe nationale Aufgabe damit unsere Mütter zu erfüllen haben.
Da aber, wer erziehen will, vor allem selbst erzogen sein muss, so sind alle Bestrebungen zu unterstützen, die darauf abzielen, unsere Tochter für den ersten und wichtigsten, für den höchsten und schönsten Beruf tüchtiger zu machen. Diese Bestrebungen sollen bei der in Preussen bevorstehenden Umgestaltung der höheren Mäâdchenschule erhoöhten Ausdruck finden in den u. U. an die hoheren Madchenschulen anzuschliessenden Frauenschulen, in denen den Maädchen in weiteren 2 oder 3 Jahren Gelegenheit gegeben werden soll, das in der höheren Madchen- schule Erworbene zu vertiefen, zu erweitern und zu ergänzen, und wo vor allem auch das Verständnis für die soziale Wirksamkeit und die sozialen Pflichten der Frau erschlossen werden soll.
Wenn dann weiter von der. umgestalteten höheren Mädchenschule eine stärkere Berücksichtigung der Verstandesbildung, ein breiterer Raum für Natur- wissenschaft und Einführung in die Mathematik gefordert werden, so kann man grundsätzlich diesen Fordernngen um so leichter zustimmen, als sie, wie wir uns vorhin ausgedrückt haben, nicht nur dazu dienen,„die Welt in ihrem Sein und Wirken mit vollerem Verständnis zu erfassen“, sondern auch für das später zu leistende Erziehungswerk eine hôchst willkommene Stütze abgeben. Diesen Forde- rungen also, die sowohl auf einen Um- als einen Ausbau der höheren Mädchen- schule abzielen, kann man unbedenklich zustimmen, denn mit ihrer Verwirklichung ist der grossen Mehrheit unserer Tôchter gedient, die in der höheren Mädchen- schule die Grundlage ihrer Bildung suchen. Forderungen aber, wie sie unter Nachahmung von schlechten Vorbildern bei den Knabenschulen, mitunter von radikalen Frauenrechtlerinnen aufgestellt werden, die, wie Paulsen sagt, geneigt


