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gewiesen, auf eine Gesetzmässigkeit, die in vielen unserer modernen Lied-Compositionen völlig ignoriert wird und da- durch so oft unser ästhetisches Gefühl unbefriedigt lässt: das ist das Aufwärtsstreben nach einem Höhepunkt und das sanfte Zurückfluten nach dem natürlichen Ruhepunkt, der Tonika.
Bis in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts hatte es nur einen Volksgesang gegeben. Alle Kreise: Vornehme und Geringe, Gebildete und Ungebildete, Fürst wie Bauer sangen die eine Weise, die ihnen, von Alters her über- kommen, lieb und wert war und selbst die Lieder der Va- ganten in ihrer fremden, künstlichen Sprache waren nichts anderes als die alten Heimatklänge in einem anderen Gewande.
Das wurde anders, als die Ritter, gestüzt auf Macht, Ansehen und feinere Bildung, einen Sonderkreis schufen, der sich absichtlich von der grossen Masse loslöste und nun seinem in einem übertriebenen Standesbewusstsein befangenen Denken und Fühlen selbständigen dichterischen Ausdruck geben wollte. Mit der höfischen Dichtung, die als Kunst- produkt zum ersten Male einen Gegensatz zum Volksliede bildet, wandten sich ihre Herren auch vom Volksgesange ab; aber sich ganz und gar der Zauberkraft des schlichten einfachen Naturkindes zu entziehen, das konnten sie nicht. Der fahrende Sänger, der eigentliche Träger und Bewahrer der Volksweisen in jener Zeit, blieb immer ein gern gesehener Gast in Burg und Hof, wo er, vom Ehrensitze am Kamin aus, zur Unterhaltung aufsang. Nur so ist es verständlich, wie die höfische Lyrik, die in Stoff und Form so ganz die fremde Poesie nachahmen wollte, immer wieder in das Volks- tümliche zurückverfiel, wie dies die Gedichte Dietmar von Aist's und des Kürenbergers am Anfange dieses Zeitraums beweisen.
Selbst später als der Einfluss des Fremden immer mächtiger und die Sprache immer geschraubter wurde, sind hie und da noch die Merkmale volkstümlicher Natürlichkeit, und Frische wahrzunehmen: so bei Neidhard von Reuenthal (1240). Die ungespundete Derbheit seiner„Winterlieder“ ist gewiss volkstümlichen Spottliedern nachgebildet. Sie versetzen auf die ländlichen Feste der Bauern, schildern


