Jahrgang 
1901
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mals vergegenwärtigen, dass die Bewegungen der erregten Seele, die der naiv, wahr und natürlich empfindende Volks- gesang unbewusst als ein Sehnen, Begehren, Streben und Wollen in steigenden, als ein Entsagen, Verzagen und de- mütiges Sich-Ergeben in fallenden Intervallen wohlgeordnet ausströmen lässt, in den ganz willkürlich, ohne innere Wahr- heit und Notwendigkeit geformten gregorianischen Tonreihen nicht zum Ausdruck kommen. Das nach Wahrheit des Aus- drucks ringende weltliche Volkslied musste sich darum bald der ihm lästigen Bevormundung entäussern, und drängte nach einer Umgestaltung, die ihm eine Entfaltung zu freieren, beseelteren Formen gestattet. Natürlich handelt es sich hierbei nicht um eine bewusste That, um ein absichtliches Entgegenstemmen wider die ihm unsympathische gregoriani- sche Methode. Das Volksnaturell, das instinktive Gefühl für das einzig Richtige, die gesangliche Begabung des deutschen Volkes und seine ewig schaffende Phantasie drängten unwillkürlich in ein anderes Geleise, in dem ein starkes, natürliches Empfinden sich freier entfalten, Dich- tung und Gesang frischer, fröhlicher und ungezwungener der Brust entströmen durfte. Diesen Umschwung finden wir in den kurzen, fragmentarischen Volksweisen aus dem LZeit- raume um 1100, wie sie uns Franco von Cöln und Beda in ihren theoretischen Werken aufbewahrt haben. Allerdings sind dieselben französischen Ursprungs, aber wir dürfen sie, mangels deutscher Volksweisen, als Belege hier um so eher anführen, als die Volkslieder der benachbarten Nation unter demselben kirchlichen Druck standen und der Werdeprozess dieser im Grossen und Ganzen derselbe gewesen sein mag, wie der unserer vaterländischen Weisen.

An diesen Sätzchen konstatieren wir zunächst den sieghaften Durchbruch der diatonischen Tonleiter mit Ganz- und Halbtonschritten, die die pentatonische um das Jahr 1000 verdrängt haben mag. Das unsichere Schwanken:) in dem Sätzchen No. 5e zeigt wie sich der Sinn für eine bestimmte Tonalität noch nicht gefestigt hat. Gesundes rhytmisches Gefühl und melodischer Wohlklang sind Eigenschaften von

¹) Ich höre aus der ersten Hälfte(d. i. 5 Takte) entschieden den dorischen Modus heraus, während die zweite Hälfte durch die Rückung auf die nächst höhere Stufe denselben wieder verlässt.