Jahrgang 
1901
Einzelbild herunterladen

17

deutschem Sang rühmen kann:es sei jetzt ein neuer Früh- ling in dem Weinberge des Herrn angebrochen; neue Lieder zu Christi Lob erschallen, selbst im Munde der Laien, in der Volkssprache, in der deutschen besonders, die für solche Gesänge vorzüglich geeignet sei, so dass niemand mehr schmutzige Lieder zu singen wage ¹), und der heilige Bern- hard, Abt von Clairvaux, der zu derselben Zeit, 1146, an den Ufern des Rheins das Kreuz gepredigt hat und dann über Cöln, Aachen, Mastricht, Lüttich nach Frankreich zurückkehrt, bedauert in seinem Reisebericht, dass, als er das deutsche Gebiet verliess, dasChrist uns genade und der Jubelruf aufhörten, weil das romanische Volk nicht nach Art der Deutschen Lieder hatte, womit es bei jedem ein- zelnen Wunder Gott Dank sagte.

Damit verlassen wir das Gebiet des geistlichen deutschen Volksgesanges und wenden uns dem weltlichen Volksliede zu.

IV.

Bei der kirchlichen Gebundenheit des Volkes und bei dem bedeutenden Einfluss, den die alles beherrschende Kirche auf Leben und Lebensgewohnheiten ihrer Gläubigen aus- übte, war wohl nichts natürlicher, als dass sie auch dem weltlichen Volksliede ihren Stempel aufzudrücken suchte. Manche der älteren Volkslieder dieser Periode mögen denn auch in denselben langgezogenen, engen und ausdruckslosen Intervallen erklungen sein, wie die meisten kirchlichen Ge- sänge. Wie diesen, so fehlte auch ihnen die Lebendigkeit und rhytmische Schwungkraft, die dem frühesten alt-epischen Volksgesang eignete, dessen Vorzug es war, dass er sich dem recitierenden Wortvortrag, seinen Hebungen und Sen- kungen in der Melodie bequemte. Es ist sogar wahrschein- lich, dass da die Erfindungskraft der Volkssänger unter dem Druck des mit den Formen der kirchlichen Weisen angefüllten Gedächtnisses keine ganz ungeschwächte sein konnte die Melodik, die wir schon als einigermassen entwickelt und auf der fünfstufigen Scala beruhend kennen gelernt haben, unter diesem Einfluss auf kurze Zeit eine Einbusse erlitt. Denn das müssen wir uns hierbei noch-

¹) v. Gervinus, Geschichte d. deutschen Dichtung, I. S. 188.