Jahrgang 
1901
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gewordenen kirchlichen Weisen. Mit der Zeit waren aber diese textlosen Jubilationen von dem Kirchen-Chore aufge- nommen worden, der, aus musikbeflissenen und im Singen geübten Klerikern bestehend, die einfachen Melodien zu langen, endlosen Gängen verkünstelte ¹), so dass sie vom Gedächtnis nur schwer behalten werden konnten und ihrer eigentlichen Bestimmung, allgemeine volksmässige Freuden- gesänge zu sein, nicht mehr entsprachen. Notker Balbulus, ein Mönch des Klosters St. Gallen, der schon in seiner Jugend diesen Misstand unangenehm empfand, wurde nun durch Zufall mit dem Antiphonar eines fränkischen Priesters bekannt, in dem diesen Tonreihen Texte untergelegt waren. Er erfasste sofort den hohen Wert dieser Neuerung, die in die wortlos gewordenen Vokalisen wieder Sinn und Verstand brachte, versuchte sich selbst in der Komposition solcher Gesänge und hatte die Freude, den Beifall und die Unter- stützung seines musikalischen Lehrers Iso zu finden. Der Text wurde der Melodie so angepasst, dass jeder Ton in der Régel eine Silbe erhielt. In seiner Gliederung richtete er sich nach dem musikalischen Bau, dessen Unregelmässig- keit und ungleiche Dimensionen auch eine verschiedene Länge der zahlreichen textlichen Abschnitte bedingte. Diese Ge- sänge nannte manSequenzen, weil ihnen das Evangelium folgte. Das Volk, das für seine verloren gegangenen Jubi- lationen Ersatz suchte, ahmte sie bald nach oder gestaltete sie nach seinen Bedürfnissen um; es entstanden jene Volks- sequenzen, die durch ihren lateinischen Text eine Mittel- stellung zwischen Volkslied und Sequenz einnehmen. Sie waren strophisch abgefasst und die Zahl ihrer Abschnitte auf drei reduciert.

Welchen Einfluss diese Gesänge auf das musikalische Empfinden und Gestalten des Volkes ausübten, wird dadurch bezeugt, dass gewisse melodische Wendungen aus ihnen noch in späteren Jahrhunderten bei neuen Melodiebildungen auf- tauchen, dass sie in Deutschland und der Schweiz lange im Gebrauch blieben und sogar in die protestantischen Gesang- bücher, z. B. in LosiusPsalmodia, übergingen, ja, dass noch heute, nach mehr als tausend Jahren, diese einfachen Melodiebildungsformen in dem Gedächtnis des Volkes fort-

1) Vergl. Beilage No. 1c.