Jahrgang 
1901
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Der Rhytmus des Gregorianischen Gesangs beruhte ursprünglich auf dem freien oratorischen Vortrag, ohne Rücksicht auf sprachliche Metrik, allein geregelt durch die beim Lesen zu beobachtenden ästhetischen Forderungen. Dieser Vortrag erhielt sich nicht lange in seiner Reinheit. Vor und zu Zeiten des grossen Karl werden schon beständige Klagen über die im Kirchengesang eingerissene Unordnung laut, und jedenfalls ist damals schon jene Manier aufge- kommen, den Gesang schleppend vorzutragen, sodass, z. B. in den Chorälen, die Töne in völlig gleicher Dauer, ausge- halten, gleichmässig erklingen und fest und streng dastehen wie in einem Basilikenbau eine Granitsäule neben der anderen. Der Gregorianische Gesang brachte in seiner neuen Methode auch zum ersten Mal das Gesetz der Ton- alität, d. h. die Bezugnahme aller Töne einer Tonreihe auf einen vorherrschenden, zur Geltung. Trotzdem blieb ihm das Wesen einer eigentlichen Melodie fremd, einer Melodie in unserem Sinne, die die Bewegungen der Seele wiedergiebt durch die Folge mehrerer, nach einem Höhepunkt hin- und von diesem wieder zurückflutender, wohlgeordneter Intervalle. In endlosen Tongängen mit nur wenigen Ligaturen ordneten sich die Töne den Silben des Textes, oder wie bei den Sequenzen diese den einzelnen Tönen unter, ohne Gliede- rung, ohne Rücksicht auf Kürze und Länge, Hebung und Senkung des Metrums, ohne irgendwelche Rhytmik.

In dieser eigenartigen Tonsprache erklangen ausser den Chorälen das Te Deum, Gloria und Credo, die Hymnen und Sequenzen und die aus diesen beiden letzteren hervorgehenden religiösen Volkslieder. Ja, auch das weltliche Volkslied stand kurze Zeit unter ihrem Bann. Indes unser gesundes, unver- wüstliches Naturkind fügte sich der fremden Methode nur so lange, bis es sich seiner Kraft und seines Wertes wieder bewusst geworden war und behielt dann nur das bei, wo- durch es in der Entwicklung wieder eine Stufe höher glomm: das Tonsystem. Denn bei aller Bewunderung, die man dem Geiste zollen muss, der dieser kirchlichen Gesangesweise eignete und sie Jahrhunderten trotzen liess; bei aller Ach- tung vor der Bedeutung, die ihr in Bezug auf die Musik- entwicklung im Allgemeinen zukommt, darf nicht unerwähnt bleiben, dass sie einer gesunden Fortentwicklung des welt-