Jahrgang 
1901
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15/- und 1 ½-Intervall-Schritten von primitiven Völkern am liebsten angewandt wird, so wäre kein Grund vorhanden, den Deutschen ein Vertrautsein mit der Pentatonik auf dieser Stufe des Gesanges abzusprechen, wenn auch kulturelle Einflüsse etwaige Abweichungen von diesem System verur- sacht haben mögen. Erinnert man sich nun noch der Ver- wandtschaft der Germanen mit dem weitverbreiteten Volke der Gälen, das auf eine sehr natürliche Weise indische Musik und die ihre eigne Pentatonik kennen lernte und sie bei seinen Wanderungen anderen Völkerzweigen!) übermittelte, so gewinnt die oben ausgesprochene Vermutung noch eine wesentliche Stütze. Aber auch aus einigen Ueberresten alt- germanischer Tonkunst kann man die frühe Anwendung der fünfstufigen Tonleiter nachweisen. Es sind das einige west- fälische Kinderliedchen, die Paul Eickhoff zum erstenmale in der Vierteljahr-Schrift für Musik-Wissenschaft, 1892 ver- öffentlicht. Die diesen Volksliedchen eigentümliche Reper- cussa und ihre Schlussbildung bestätigen allein schon das hohe Alter derselben; das Fehlen der Unter-Secunde und Ober-Terz weisst aber deutlich auf die Pentatonik hin. Da nun mit dem 10. Jahrhundert, beeinflusst durch die Grego- rianische Methode, die rein-diatonische Tonleiter zum Durch- bruch kam, so darf der Ursprung dieser Lieder in das 9. oder 8. Jahrhundert zurückgelegt werden, also in die Zeit, in der auch der von uns charakterisierte Volksgesang erklang.

Das musikalische Mass der damaligen Volkslieder mag eine Art Takt gewesen sein, der nichts weiter als gewisse Höhepunkte in der Melodie markierte, um den Gesang der Massen zusammen zu halten und bestimmte Bewegungsein- schnitte beim Tanze zu kennzeichnen. Mit unserem heutigen gleichmässig wiederkehrenden Taktmasse etwa nach den Schlägen des Metronoms hat jene Regelung natürlich nichts gemein; vielmehr mögen die Lieder, je nach der Ver- schiedenheit der darin ausgedrückten Stimmungen, bald lang- samer, bald rascher gesungen worden sein.

Wenngleich die Lieder ursprünglich für den Chor, den Massengesang, bestimmt waren, so kam doch auch der Ein- zelgesang zu seinem Rechte und zwar in denjenigen Liedern,

¹) Hier sei auf die Pentatonik vieler alt-schottischer Melodien hingewiesen.