Jahrgang 
1901
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im Stande, ihn in seiner Reinheit zu begreifen; sei es nun, dass sie aus Leichtsinn immer etwas von dem ihrigen dazu mischten, oder dass ihre von der Natur ererbte Wildheit sie daran hinderte. Ihre rohen, wie Donner brüllenden Stimmen waren keiner sanften Modulation fähig, weil ihre an den Trunk gewohnten Kehlen jene Biegung, die eine zarte Melodie erfordert, nicht zuliessen, so zwar, dass ihre Abscheu erregenden Stimmen, nur solche Töne hervorbrachten, die dem Gepolter eines von einer Anhöhe herunterrollenden Lastwagens ähnlich sind, und die, statt die Herzen der Hörer zu rühren, sie vielmehr anekelten ¹).

Manches von dem wenig schmeichelhaften Ergusse des frommen Mannes mag der damals überhaupt herrschenden Abneigung gegenfrankisches Wesen entsprungen sein, anderes dem durchbrechenden Unwillen, dass sich die Neu- bekehrten der Einführung des römischen Gesanges so wenig zugänglich zeigten. Denn es ist geradezu undenkbar, dass die Beschaffenheit des Gesanges, nach der Art seiner Aus- übung, so roh gewesen sein soll bei einem Volke, dessen Religion, Familienleben und staatliche Einrichtungen damals schon eine höhere Culturstufe erkennen liessen und dessen Sprache im Gebrauche von Alliteration, Assonanz und Reim ein gewisses Verständnis für Wohlklang erkennen liess. Was wohl den Römern bei dem deutschen Gesange so frèémd und unangenehm in den Ohren geklungen haben mag, ist viel- leicht die der deutschen Sprache eigentümliche Consonanten- häufung mit der damit zusammenhängenden schwierigeren Tongebung gewesen.

Die Melodien jener Lieder waren, wie wir mit einiger Gewissheit nachzuweisen vermögen, gegründet auf die fünf- stufige Tonleiter, d. h. die diatonische mit Vermeidung der Halb- tonschritte. Nach Helmholz scheinen nämlich in den ersten Entwicklungsstadien der Musik engere Intervalle als der Ganzton nicht benutzt worden zu sein, und die neuesten Untersuchungen Ludwig Riemanns weisen den Gebrauch der Diatonik ohne Halbstufen bei vielen europäischen und ausser- europäischen Völkern nach. Bestätigt sich somit die An- nahme, dass die fünfstufige Tonleiter mit dem Wechsel von

¹) Johannes Diac. in vita b. Gregorii.(Uebersetzt von Pater Anselm Schubiger, Die Süngerschule St. Gallens S. 3.)