Jahrgang 
1901
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schändliche Worte abzusingen, Reigen aufzuführen und so nach Heidenweise zu handeln ¹).

Welcher Art aber war der Gesang dieser Volkslieder: Wie war Melodie und Rhytmik beschaffen? Wie hat man sich den Vortrag zu denken?

Wer könnte auf diese Fragen eine bestimmté Antwort geben, da auch von diesen Liedern nichts übrig geblieben ist! In ewig wechselnder Gestalt von Mund zu Mund gehend, wurden die Lieder, die die Zeiten der grossen Völker- wanderungen überdauert hatten, von Karl dem Grossen zwar gesammelt, aber von seinem Sohne Ludwig dem Frommen in geistlichem Eifer wieder zerstört. Was dann dem Fana- tismus geistlicher und weltlicher Machthaber entgangen war und im Volke öffentlich oder im Geheimen gepflegt wurde, das fiel schliesslich, wie so vieles andere, dem Schicksale der Vergessenheit anheim.

Annehmen darf man folgendes: Mit der Entwicklung der Sprache, die in der silbenreimenden Strophe auch eine grössere Innigkeit und Mannigfaltigkeit des Klangs brachte; und mit dem erwachenden sympathischen Gefühle für den Wohlklang einer geordneten Tonreihe dämmerte das Be- wusstsein einer vorhandenen Verwandtschaft zwischen Text und Melodie: für die ersten Keime kleiner Liedanfänge ein günstiger Boden, auf dem auch von Rhytmik und Gliede- rung so viel wuchs, um den kleinen, allerdings immer noch monotonen und unbeholfenen Weisen einen primitiven An- strich künstlerischen Schaffens zu geben kurz der Silben recitierende germanische Naturgesang war zu kleinen Ge- sangsweisen fortgeschritten, die noch rauh, aber nicht mehr roh erklangen. Die lärmende, nur den Takt der Sprache nachahmende Rhytmik wird geregelter und die in einer bestimmten Verbindung wiederkehrenden Töne lassen eine gewisse-Ausbildung erkennen.

Der Diakon Johannes, Biograph des Papstes Gregor I., entwirft zwar von diesen Gesängen noch ein trauriges Bild. Nachdem er von der Gelegenheit gesprochen hat, die sich den Allemannen häufig geboten habe, um den römischen (d. i. gregorianischen) Gesang zu erlernen, fährt er fort: Aber unter allen Völkern von Europa waren sie am wenigsten

¹) Bruinier, Das deutsche Volkslied, S. 29.