Jahrgang 
1901
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wird uns erzählt. Alle Situationen und Stimmungen, alle Tugenden und Laster, Liebe und Hass, Tapferkeit und Feig- heit werden besungen ¹). Das ist der Geist der echten Lyrik, aufgewacht in der Zeit, da Deutschland christianisiert wird. Zwar hat die neue Lehre in dem grössten Teil des Landes ihren Einzug gehalten, aber sie hat das Seelenleben der Neubekehrten doch noch nicht durchdrungen. So sehen wir denn auf der einen Seite das Volk mit echt deutscher Zähigkeit seinen althergebrachten, aus heidnischer Zeit stammenden Festen und Festgebräuchen, bei denen die Fest- stimmung in seinen Liedern zum Ausdruck kommt, anhangen, während auf der anderen die Kirche und die ihr ergebenen weltlichen Oberen unausgesetzte Versuche machen jene Teufels-Ausflüsse zu ächten.So hat z. B. der Merowinger König Childebert I.(511 548) Klagen darüber vernommen, dass an den heiligen Tagen, zu Ostern, Weihnachten und den sonstigen Festen, sowie in der Nacht zu Sonntag die Frauen tanzend und gewiss dazu singend die Dörfer durchzogen. Auf der Kirchenversammlung zu Autun(573 603), deren Bestimmungen, wie die der übrigen aus der Merowingerzeit auch für die westgotischen, burgundischen, westfränkischen Teile und die kerndeutschen Ostgebiete des Merowingerreiches galten, wird verfügt, es sei unstatt- haft, wenn in den Kirchen Laien ihre Reigen tanzten und Mädchen ihre Lieder sängen, sowie dass dort Gelage abge- halten würden; ein Verbot, das um 803 mit besonderer Rücksicht auf deutsche Verhältnisse in denBestimmungen des Bonifatius wiederholt wird. Die Kirchenversammlung zu Chalons an der Saone(639 654) stellt fest, dass an Kirchweihen und den Gedenktagen der Heiligen die Menge zusammenströme, aber anstatt zu beten und auf die Geist- lichen zu achten,gemeine undlästerliche Liedchen sänge und dass Mädchen dazu tanzten. Die Mainzer Kirchen- versammlung von 813 beschliesst:die schändlichen und üppigen Gesänge bei den Kirchen auszuüben ist durchaus verboten, und noch 826 heisst es:Es giebt welche, zumal Frauen, die an den Feiertagen, Sonntagen und den Gedenk- tagen der Heiligen nicht derenthalben zur Kirche kommen, die man zu feiern hat, sondern nur um zu tanzen und

¹) Schneider, das musikal. Lied S. 164.