Jahrgang 
1870
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Wenn ich einen Menſchen ohne Religion überhaupt für den un⸗ glücklichſten Erdenwurm halten muß, ſo erſcheint mir insbeſondere ein Weik als das entartetſte, ſeinem eigenſten Weſen am vollſtändigſten entkleidete Geſchöpf, wenn es dahin gelangte, nicht mehr ſeine Seele mit dem Bande des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe an ein himmliſches Jenſeits zu binden. Nicht bloß zu einer reinen Sitt⸗ lichleit, mehr, zu einer poſitiven, einer im Glauben und Vertrauen auf die Göttlichkeit des Chriſtenthums begründeten Religion entwickle man die religiöſe Anlage des Mädchens. Die herrlichen Frauenge⸗ ſtalten des alten und des neuen Teſtaments, das göttliche Bild des reinen, ſündloſen, für die Menſchen zum Tode dahingehenden Hei⸗ lands; ſeine milden, Selbſtüberwindung und Feindesliebe, Demuth und Reinheit des Herzens gebietenden Lehren führe man eingehend und lebendig vor ihre Seele, lehre ſie Liebe faſſen zu dem Geiſte des Chriſtenthums, lehre ſie das Gute lieben um ſeiner ſelbſt willen und aus Liebe zu Gott; aber man hüte ſich, das junge Pflänzlein religib⸗ ſen Bewußtſeins zu überladen und zu erſticken durch eine zu große Fülle von Memorirſtoff. Und wie ſehr bedarf das Weib einer tie⸗ fen Religioſität!.. Soll es doch als Gattin dem Gatten unter den Kämpfen und Stürmen des Lebens Troſt und Vertrauen in's Herz ſenken, ihn, wenn das Eitle und Vergängliche ſeine Sinne gefangen zu nehmen droht, immer mit treuer Liebe auf das Ewige, Himmliſche zurückleiten! Soll es doch als Mutter mit Selbſtaufopferung jede Stunde ſeines Daſeins wachen und ſorgen für die zarten Kinderſeelen, ihre innere Entwicklung zugleich mit der leiblichen mit Treue fördern, ihnen ſchon früh Sinn für alles Gute, für Tugend und Wahrheit einflößen!

Wahre Religioſität und Vaterlandsliebe im weiteſten Sinn ſind aber immer mit einander verbunden geweſen. Und die Liebe zu allem Großen und Edlen, was unſer deutſches Volk gedacht, gefühlt und errungen hat, deutſche Gründlichkeit und Wahrheitsliebe, Gediegenheit und Treue ſoll der deutſche Unterricht zumeiſt hegen und pflegen. Aber die Größe der Forderung zeigt ſchon die Schwierigkeit der Auf⸗ gabe. Nur zu leicht verliert ſich da auch der gewiſſenhafteſte Unter⸗ richt in todten Formalismus und Wortklauberei und tödtet, ſtatt zu beleben; nur zu oft bleibt ſelbſt das Leſen und Declamiren mechaniſch, der Aufſatz arm und ſteif, weil man bald zu viel, bald zu wenig ver⸗ langt und weil ſich mancher Lehrer nicht die Mühe nimmt in den Anſchauungskreis des Kindes hinabzuſteigen und es mit ſich emporzu⸗ heben; noch verlaſſen ſo gar zu viele die Schule ohne Begeiſterung