Jahrgang 
1870
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vorzugsweiſe empfänglich für das friedliche Geſchäft der Aneignung und Bewahrung der ihm übergebenen Güter des Lebens, der Kunſt; eröffnet ihm die Welt des Gemüths und der heiligen Sitte und darum überläßt der Mann vertrauensvoll ſeiner Hand und ſeinem Herzen das Walten im Bereich ſchöner Häuslichkeit, gemüthvoller Religioſität und das Familienleben durchdringender und veredelnder Begeiſterung für alles Gute, Große und Wahre.

Nun wird man uns aber vorwerfen, daß wir den neueren Wün⸗ ſchen nach einer für ſich ſelbſt unabhängigeren, für das Gemeinweſen bedeutungsvolleren ſocialen Stellung des weiblichen Geſchlechts keine Rechnung tragen. Man hat Palliativmittel für Unbemittelte, Allein⸗ ſtehende geſucht und gefunden: Verwendung im Eiſenbahn⸗ und Tele⸗ graphendienſt, in Kanzleien u. ſ. w.Aber, ſo ſagt J. H. v. Fichte (die nächſten Aufgaben der Nationalerziehung der Gegenwart),all der⸗ gleichen kann nie als genügender Beruf für ſie betrachtet werden, der aus ihrer eigentlichſten Beſtimmung, Gattin und Mutter zu werden, nur dann ihnen erwachſen kann, wenn ſie aus dem allgemeinen Um⸗ fang der Familienpflichten einen beſondren Theil für ſich ausſuchen und dieſer betrifft vor allen Dingen Kinderpflege und erſte Kinder⸗ erziehung, was eigentlichſter weiblicher Beruf iſt, was ſie auch zufolge eines gottverliehenen Inſtinkts allein recht vermögen und zugleich mit innerſter Selbſtbefriedigung vollbringen. Reihen wir hier nur noch die Krankenpflege an, ſv eröffnen ſich dem weiblichen Geſchlecht eine Menge der ſchönſten, aber auch der ſchwerſten Quellen edler Thä⸗ tigkeit.

4. Nach allem dieſem wird man uns geſtatten, in wenigen Zügen das hervorzuheben, was uns beſonders im Hinblick auf unſer Schul⸗ leben wünſchenswerth und nothwendig erſcheint und das verwirklichen zu helfen wir insbeſondere den Müttern an's Herz legen möchten, und wir ſtellen da die Religion und Deutſch in die erſte Reihe, weil ſie die Hauptträger unſrer Bildung ſind, weil der Geiſt des Chriſtenthums und der Genius unſres deutſchen Volkes ſo eng mit⸗ einander verknüpft ſind, daß eine Trennung oder Lockerung für beide ein Unheil, aber auch eine Unmöglichkeit wäre.

Aber damit wir nicht in unſrem eignen Intereſſe und Fach par⸗ teiiſch zu reden ſcheinen, ſo wollen wir hier die ſchönen Grundſätze eines rechten Mädchenlehrers reden laſſen(Dr. O. Richter, Ideen über die Erziehung der weiblichen Jugend, namentlich mit Rückſicht auf höhere Töchterſchulen).