Jahrgang 
1870
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Vorſchub leiſten, daß ſie beleidigend und verderblich zugleich ſind, das brauchen wir hier nicht zu ſagen. Der Ruin manches Hausweſens, der Verfall von Zucht und Sitte, deren Pflegerin die Hausfrau, die Mutter doch zumeiſt ſein ſoll, die Entfremdung des Gatten vom häus⸗ lichen Herd, an dem er nach des Tages Laſt keine Aufmunterung für ſeine Intereſſen und ſeinen Beruf, kein Verſtändniß für höhere Fra⸗ gen finden kann ſie zeugen laut genug für die Wahrheit unſres Urtheils.

3. Eine rechte Würdigung der Frage über das Erreichbare und Wünſchenswerthe in der weiblichen Erziehung iſt aber erſt möglich nach genauer Beobachtung der Anlagen und Fähigkeiten der weiblichen Natur überhaupt und unter gewiſſenhafter Berückſichtigung der Eigen⸗ thümlichkeit ihrer Stellung und ihrer Pflicht im Leben.

Man hat nun das weibliche Geſchlecht oft theils aus Unverſtand, theils aus einer gewiſſen pikanten Bosheit gern das ſchwache genannt. Aber auf der einen Seite liegt in ihrer Schwäche ſo widerſprechend dies auch klingen mag grade ihre gute Seite, ihre Stärke; auf der andern Seite trifft jener Vorwurf aber auch zum großen Theil die Folgen einer mangelhaften Erziehung und Stellung. Nehmen wir z. B. an: ein Mädchen wird mit 14, höchſtens 15 Jahren der Schule entnommen; ſeine Kenntniſſe ſind noch nicht ſicher und zuver⸗ läſſig, ſein Charakter iſt noch ſchwankend, unbefeſtigt, entweder wird es nun oft genug ganz im Hausweſen aufgehn, wo eine Menge mecha⸗ niſcher Dienſtleiſtungen und Beſchäftigungen ihm zufallen, aber Nie⸗ mand kümmert ſich darum, ein höheres Streben in ihm wachzuhalten, ſeinen Sinn bei aller Liebe und Hingebung für das häusliche Weſen auf große und erhabene Fragen der allgemeinen Bildung und des Lebens hinzuwenden oder es bleibt ſich ſelbſt überlaſſen, lieſt ohne Wahl und Qual was ihm grade vorkommt, arbeitet oder nicht, wie es ihm beliebt was kann man da für eine Bildung des Charakters, was für ein Verſtändniß ſeines Berufs in ſeinen mannig⸗ fachen, ſo verzweigten und wichtigen Anſprüchen erwarten 7

Nun iſt aber die weibliche Natur nicht geringer oder unedler an⸗ gelegt als die männliche, ſondern nur eigenthümlich verſchieden. Der Mann muß, um mit dem Dichter zu reden, hinaus in's feindliche Leben; ſeine bedeutendere Körperkraft, die größere Energie ſeines Wil⸗ lens und Strebens, die Geſchloſſenheit ſeiner geiſtigen Fähigkeiten weiſen ihm mit innerer Nothwendigkeit den Angriff imKampf um das Daſein zu; das Weib aber iſt zärter und feiner organiſirt, ſeine vorwiegende Gefühlsthätigkeit und regere Einbildungskraft macht es