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1. Der erſte und bedeutendſte Fehler nun, der in unſren heutigen Verhältniſſen des weiblichen Unterrichts zu Tag tritt, iſt der, daß man aus der kurzen Schulzeit der Mädchen viel zu viel an Kenntniſſen und Fähigkeiten herauspreſſen will. In der kurzen Zeit von 8 Jah⸗ ren, vom 6—14. Jahr, ſollen die Mädchen nicht nur in den Ele⸗ menten durchaus feſt werden, ſondern ſie ſollen auch die reiche deutſche Sprache grammatiſch und ſtiliſtiſch beherrſchen lernen; da ſollen ſie in einem Aufſatz oder Brief alle Pracht der Rede und des Bilderſchmucks womöglich über eine Mondlandſchaft ausgießen; ſie ſollen in der Lite⸗ ratur natürlich mit Gewandtheit über Schiller und Göthe ſprechen und urtheilen können, ſie ſollen gründlich Geſchichte und Geographie ver⸗ ſtehn(obwohl man ſich hier noch am erſten mit einer gewiſſen tabel⸗ lariſchen Ueberſicht zufrieden gibt); ſie ſollen weiter in der Zeit, wo die Naturwiſſenſchaften einen ſo gewaltigen Aufſchwung genommen haben, Phyſik und Chemie verſtehn; ſie ſollen in weiblichen Arbeiten erfahren ſein, in Frivolitäten, wie ſie bezeichnend genug heißen wie in Stickereien und dergleichen, während Nähen und Stopfen als zu pro⸗ ſaiſch und zu wenig in die Augen fallend lieber bei Seite liegen darf; ſie ſollen ſingen und Clavierſpielen lernen, ſie müſſen endlich doch auch tanzen lernen, um ſo früh wie möglich in die große Welt eingeführt zu werden— kein Wunder, wenn da manche höchſt bedenkliche und bedauerliche Erſcheinungen zu Tage treten. Abſpanuung und körper⸗ liche Schwäche ſind noch nicht die ſchlimmſten Folgen, wohl aber eine bedauerliche Vielwiſſerei, ein ungründliches Können, ohne den Trieb etwas ernſtlich zu wollen und zu leiſten, ein Abſtreifen des Jugend⸗ lichfriſchen, Mädchenhaften, Poetiſchen und nur zu oft— wie dies bei allen Ueberſpannungen der Fall iſt— ein Zurückfallen in die ganz gewöhnliche Plattheit und Alltäglichkeit*).
2. Dieſer überſpannten Anſicht über weibliche Bildung ſteht eine andere nicht minder bedenkliche und verwerfliche entgegen, die Anſicht nämlich, daß man möglichſt wenig von Mädchen verlangen dürfe, die Unterſchätzung ihrer Gaben und Fähigkeiten, die ſich begnügt, wenn ſie nur leſen, ſchreiben und rechnen lernen, dazu ſtricken und nähen; denn,„was brauchen ſie mehr in der Welt? Zu Gelehrten macht ihr ſie doch nie!“ Daß ſolche Anſichten aber der Rohheit und Unwiſſenheit
*) Es klingt wohl etwas altfränkiſch, bleibt aber trotzdem wahr: Ein Veilchen in ſeiner lauſchigen Heimlichkeit und Anſpruchsloſigkeit iſt wohlthuender als ein ganzer Stand voll prunkender Hyazinthen, Tulpen oder ſonſtiger Zierblumen.


