Jahrgang 
1905
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IV. Zur Geſchichte der Anſtalt.

1. Perſonalangelegenheiten. Mit dem Schluſſe des Schuljahres 1903/04 verließ Herr Dr. Friedrich Sehnert, Fachlehrer für Landwirtſchaft, unſere Schule; durch Allerhöchſtes Dekret vom 9. März 1904 wurde Herr Dr. Hermann Biedenkopf) zum Oberlehrer an der Anſtalt ernannt. Durch Verfügung zu Nr. M. d. J. 1 32899 vom 26. Oktober 1904 wurde der Lehramtsaſſeſſor Franz Como aus der Verwaltung ſeiner Lehrer⸗ ſtelle abberufen; durch Verfügung zu Nr. M. d. J. 1 32939 vom 26. Oktober 1904 wurde dem Lehramts⸗ aſſeſſor Ludwig Schäfer dieſe Stelle übertragen.

2. Der Unterricht. Das Schuljahr begann am 11. April mit der Prüfung der neu aufgenommenen Schüler.

Vom 16. März bis zum 11. Mai war Herr Rothermel zu einer militäriſchen übung eingezogen; vom 14. Mai bis zum 13. Juni war der Direktor aus Geſundheitsrückſichten beurlaubt; Herr Oberlehrer Franz mußte infolge einer Studienreiſe nach England vom 2. Auguſt bis zum 22. Auguſt vertreten werden. Die Herren Kollegen Taſché und Dr. Vollhardt nahmen vom 20. bis 29. März 1905 an dem naturwiſſenſchaftlichen Fortbildungskurſus zu Darmſtadt teil, ihr Unterricht wurde von den übrigen Kollegen übernommen. Auch kürzere Erkrankungen einiger Herren Kollegen machten Unterrichtsänderungen notwendig. Am 31. Mai und am 13. Oktober beehrte Herr Geh. Oberſchulrat Nodnagel die Anſtalt mit ſeinem Beſuch und wohnte dem Unterricht bei.

Herr Rabbiner Dr. Marx aus Darmſtadt nahm eine Religionsprüfung der israelitiſchen Schüler am 28. Juni vor; der hochwürdigſte Herr Biſchof Dr. Kirſtein von Mainz wohnte am 22. September dem katholiſchen Religionsunterricht bei; Se. Hochwürden Herr Superintendent D. Flöring von Darmſtadt beſuchte am 9. März den evangeliſchen Religionsunterricht. Am 7. Januar 1905 wohnten Herr Geh. Oberſchulrat Nodnagel und Herr Dr. Giſevius, ordentlicher Profeſſor für Landwirtſchaft an der Univerſität zu Gießen, dem landwirt⸗ ſchaftlichen Unterricht in allen Klaſſen der Landwirtſchaftsſchule bei.

Die üblichen, etwa 3 ſtündigen Spaziergänge in die Umgegend wurden am 25. April, 17. Mai, 2. Juni, 26. Oktober, 8. Dezember 1904, 23 Februar, 14. März 1905 ausgeführt. Um den Beſuch der Eisbahn zu er⸗ möglichen, fiel am 16., 17., 19., 20. Januar 1905 der Nachmittagsunterricht aus. Der Tagesausflug fand am 24. Auguſt ſtatt. Herr Prof. Heil fuhr mit der Ober⸗Sekunda nach Michelſtadt; über das Jagdſchloß Eulbach ging es zu Fuß nach Amorbach(Mittagsraſt), von da über Ernſttal, Schloß Leiningen nach der Station Schöllenbach. Die Herren Kollegen Taſché, Michel und Drehwald begannen mit den Schülern der Unter⸗ Sekunda, Ober⸗ und Unter⸗Tertia die Fußwanderung auf der Station Schöllenbach, über Schloß Leiningen wandten ſie ſich nach Ernſttal(Mittagsraſt) und Kailbach, von wo die Heimfahrt erfolgte. Die Herren Klaſſen⸗ führer der Quarta, Quinta, Sexta und Vorſchule fuhren mit ihren Schülern bis König, gemeinſam wanderten ſie bis zum Hainhaus. Von hier aus wählten die Quarta und Quinta als Reiſeziel Erbach, auf dem Jagd⸗ ſchloß Eulbach fand die Mittagsraſt ſtatt. Die Sexta und Vorſchule verweilten einige Zeit auf dem Hainhaus und kehrten über Weitengeſäß, Momart nach König zurück.

Die Schüler der Landwirtſchaftsſchule machten am 214., 25., 26. und 27. Auguſt eine größere Reiſe nach Rheinheſſen. Von Groß⸗Gerau aus wurde der Rheinfelder Hof mit ſeinen ausgezeichneten Einrichtungen beſucht und gegen Mittag Oppenheim erreicht. Die Landskrone, die Katharinenkirche und die Einrichtungen der Großh. Obſt⸗ und Weinbauſchule beſchäftigten Schüler und Lehrer mehrere Stunden lang. Leiterwagen, die Herr Bürgermeiſter Beſt aus Köngernheim in höchſt dankenswerter Weiſe ſtellte, brachten die Ausflügler nach Kön⸗ gernheim und Undenheim, wo Nachtruhe gehalten wurde. Einige Schüler hatte Herr Theodor Stallmann ſich als Gäſte mit nach Wald⸗Uelversheim genommen. Leider ſetzte gegen Abend Regen ein, er hielt die ganze Nacht an und zwang uns, die Reiſepläne zu ändern. Der über Wald⸗Uelversheim, Eimsheim, Heßloch vorge⸗ ſehene Fußmarſch nach Weſthofen mußte aufgegeben werden, von Köngernheim- Undenheim aus wurde am 25. Auguſt die Eiſenbahn bis Worms benutzt.

Bei trübem Himmel, der ab und zu Regenſchauer ſchickte, konnten die Schüler Worms beſichtigen. Das Lutherdenkmal, der Dom, das Paulusmuſeum, das Denkmal für den Großherzog Ludwig IV. und die neue Straßenbrücke über den Rhein gaben zu längerem Verweilen Veranlaſſung.

Von Worms aus ſollte die Reiſe über Göllheim, Alzey, Wonsheim, Kreuznach nach Bingen fortgeſetzt werden. Bei dem ungünſtigen Wetter wagten wir es nicht, längere Fußwanderungen, die dieſer Plan gebracht hätte, zu unternehmen, wir änderten deswegen in Worms Reiſerichtung und Reiſeziele. Über Alzey fuhr die Reiſegeſellſchaft nachmittags nach Bingen, und am 26. Auguſt früh morgens nach Münſter a. St. Von der Ebernburg ging es über Saline Theodorshall nach Kreuznach, wo die Purizelli'ſche Hofgutsverwaltung gern und liebenswürdig Einblicke in ihren Betrieb geſtattete. Der Nachmittag wurde für Rüdesheim, das Nieder⸗ walddenkmal, das Jagdſchloß, Aßmannshauſen und das Schlößchen Rheinſtein verwandt. Auf der Rückreiſe,

1*) Am 22. Februar 1870 wurde ich zu Ehringshauſen im Kreiſe Alsfeld als Sohn des evang. Lehrers Wilhelm Biedenkopf geboren. Den erſten Unterricht erhielt ich bei meinem Vater. Vom Jahre 1880 bis zum Jahre 1887 beſuchte ich die Vorſchule und die Realſchule zu Alsfeld, worauf ich in die Prima des Realgymnaſiums in Gießen eintrat. Nach der Oſtern 1889 beſtandenen Reifeprüfung widmete ich mich auf der Univerſität Gießen dem Studium der Kameralwiſſen⸗ ſchaft und Landwirtſchaft. Oſtern 1890 bezog ich die Univerſität Halle und Wittenberg. Vom Jahr 1892 bis zum Jahr 1894 war ich auf dem Freiherrlich Riedeſel'ſchen Gut in Altenburg bei Alsfeld in der praktiſchen Landwirtſchaft tätig. Im Anfange des Sommerſemeſters 1894 beſtand ich in Halle das Examen für Lehrer an Landwirtſchaftsſchulen. Bis zum Herbſte blieb ich noch an der Univerſität. Vom Herbſt 1894 bis dahin 1895 war ich Lehrer an der Ackerbauſchule in Badersleben(Prov. Sachſen), von 1895 bis 1896 an der Landwirtſchaftsſchule in Varel a. d. Jade und von 1896 bis 1904 an der landw. Schule in Chemnitz in Sachſen. Im Jahre 1900 promovierte ich in Gießen. Durch Allerhöchſtes Dekret vom 9. März 1904 wurde ich zum Oberlehrer an der Großh. Real⸗ und Landwirtſchaftsſchule zu Groß⸗Umſtadt ernannt. 1