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Aus einzelnen Privatſtunden entſtanden förmliche Privatſchulen. Sie wurden gewöhnlich von einem der jüngeren Geiſtlichen zu Groß⸗Umſtadt geleitet und bekamen aus Stadt und Umgegend meiſt recht ſtarken Zuſpruch.— Allein wenn dieſe Privatſchulen auch den Mangel einer höhern Lehranſtalt weniger fühlbar machten, ſo konnten ſie eine ſolche doch nicht ganz erſetzen. Denn ſelbſt der tüchtigſte Lehrer war in ſeinen Leiſtungen dadurch gehemmt, daß er nur über ſehr beſchränkte Mittel zu verfügen hatte.
Die Privatſchule zu Groß⸗Umſtadt ging zuletzt ein. Dafür trat nun immer ſtärker die Anſicht hervor, daß an ihre Stelle eine ſtädtiſche, mit verſchiedenen Lehrern beſetzte und mit reichern Mitteln dotirte Anſtalt treten müſſe.— Die neue Militärorganiſation, das In⸗ ſtitut der Einjährig⸗Freiwilligen kam nun noch als neuer Factor von großer Bedeutung hinzu und brachte den Plan zur Reife.— Eine vollſtändige ſechsklaſſige Realſchule zu errichten, war für den Anfang natürlich nicht möglich. Wenn auch der Stadt die Geldmittel zu Gebot ſtanden, ſo fehlten doch vor Allem die zur Aufnahme in die ſechs verſchiedenen Klaſſen be⸗ fähigten Schüler. Die Schule ſollte deßhalb in beſcheidenerem Umfange angelegt werden und, wenn die Verhältniſſe ſich günſtig erwieſen, im Laufe der Zeit ſich weiter entwickeln.
Zu Anfang des Jahres 1868 begannen die Verhandlungen mit den hohen Behörden. Es wurde der Stadt die Erlaubniß zur Errichtung einer höhern Privaklehranſtalt ertheilt, zunächſt blos einer Vorbereitungsanſtalt für die obern Klaſſen einer Realſchule oder eines Gymnaſiums. Nach dem ausgearbeiteten Plane ſollte dieſe mit zwei Klaſſen eröffnet werden, jede Klaſſe einen zweijährigen Kurs bekommen, und beide bei normaler Vorbereitung Knaben von 10—14 Jahren aufnehmen. Die Unterrichtsgegenſtände ſollten den Klaſſen III.—VI. einer unſerer Realſchulen in ihrer neuen Verfaſſung entſprechen. Als nicht verbindliche Lehrgegen⸗ ſtände waren aufgenommen, die lateiniſche und griechiſche Sprache; es war dies geſchehen mit beſonderer Rückſichtnahme auf die Schüler, die ſpäter die Univerſität beziehen wollten.— Als Schullocal wurde das vor einigen Jahren von der Stadt angekaufte von Korty'ſche Haus gewählt. Die Ausſtattung und Erhaltung der Schule, die Beſchaffung der Lehrmittel und Beſoldung der Lehrer übernahm die Stadtkaſſe, welcher dafür das Schulgeld(20—24 fl. für den Schüler) zugewieſen ward. Im April 1869 ſollte die Eröffnung ſtattfinden.
Während des Winters traf man die nöthigen Vorbereitungen, engagirte Lehrer und ließ das Local für ſeine neue Beſtimmung herrichten. Am 5. April begann, nach einer kleinen Eröffnungsfeier im Saale des Rathhauſes, der Unterricht.— Es folgen hier zunächſt einige kurze Notizen über das Lehrerperſonal.
Das Directorium der Anſtalt wurde dem als Lehrer der Naturwiſſenſchaften an Groß⸗ herzoglichem Schullehrerſeminar zu Friedberg fungirenden Gymnaſiallehramts⸗Aecceſſiſten Wilhelm Soldan übertragen. Derſelbe, geboren zu Burkhards im Jahre 1842, ſtudirte zu Gießen Cameralwiſſenſchaften und beſtand im Jahr 1863 die cameraliſtiſche Facultätsprüfung; im Herbſt 1864 beſtand er die theoretiſche, im Frühjahre 1866 die practiſche Staatsprüfung; im. Herbſt deſſelben Jahres bezog er von Neuem die Univerſität Gießen, um Mathematik und Phyſik zu ſtudiren, und beſtand im Sommer 1868 das mathematiſche Gymnaſiallehrerexamen. Darauf wurde er durch Verfügung Großherzoglicher Oberſtudiendirection im October deſſelben


