Jahrgang 
1904
Einzelbild herunterladen

Allem Anſcheine nach hatte ſich die Privatanſtalt überlebt, wozu vielleicht die etwas einſeitige Pflege der humaniſtiſchen Lehrgegenſtände ihr Teil beigetragen haben mag. Denn in den Bürgerkreiſen gingen damals die Anſichten über den Wert einer derartigen Anſtalt für eine Landſtadt wie Groß-Gerau ſehr weit auseinander. Es war daher ſchon zu Oſtern 1845eine Anzahl von Eltern, die ihren Kindern die Wohltat eines erweiterten umfaſſenderen Unterrichts mit geringeren pecuniären Opfern zuzuwenden beabſichtigten, zuſammengetreten, um mit Benutzung der hier vorhandenen Lehrkräfte eine Anſtalt ins Leben zu rufen, welche im Gegen ſatz zu der bereits beſtehenden Privatſchule die BezeichnungBürger⸗ ſchule(Muſterſchule) führen ſollte. Ihre Aufgabe ſollte darin beſtehen, durch einen zweckentſprechenden Unterricht in den Realien die Söhne der Bürger für die Ausübung der gewerblichen Berufsarten vorzubereiten. Welchen Anklang dieſe Gründung in bürgerlichen Kreiſen damals gefunden, erhellt aus der Tatſache, daß zum Beſuch dieſer Anſtalt etwa 60 Kinder angemeldet worden waren. Daher entſchied ſich auch der Gemeinderat in ſeiner Sitzung vom 17. April, dieſer Schule den verwilligten jährlichen Zuſchuß aus der Gemeindekaſſe zuzuwenden.

Als Lehrkräfte ſollten die Lehrer an der ſtädtiſchen Volksſchule ver⸗ wendet werden. Durch deren Heranziehung hoffte man den leidigen Wechſel des Lehrperſonales, welcher der damals noch beſtehenden Privatlehran⸗ ſtalt zum Nachteil gereichte, ein für allemal beſeitigen zu können. An der Volksſchule wirkten damals vier Lehrer, wovon der eine als Mitprediger zugleich das Amt eines Geiſtlichen in Groß-Gerau und ſeinen Filialge meinden verſah. Da deren Beſoldungsverhältniſſe ſo beſcheiden waren, daß von einem hinlänglichen Auskommen derſelben keine Rede ſein konnte, ſo waren dieſelben genötigt, ihr Einkommen durch den Ertrag von Privat⸗ unterricht möglichſt zu erhöhen Dieſen Privatunterricht haben ſie zerſtreut,

b. jeder für ſich beſonders erteilt, und es hat jeder derſelben täglich 4+5 Stunden darauf verwendet. Es wurde ihnen daher der Vorſchlag unterbreitet,ihre Privatſtunden gemeinſchaftlich zu geben und den Unterricht nach einem beſtimmten und feſten Plan zu regeln, kurz denſelben ſo in einandergreifend zu erteilen, wie ſolches in öffentlichen Schulen der Fall iſt. Die Unterbringung der neuen Schule ſollte in den Räumen der ſtädtiſchen Schulhäuſer erfolgen, wo ohnehin die Lehrer ſeither ihren Privat⸗ unterricht abzuhalten pflegten. Der Plan der Anſtalt ſah die Errichtung zweier Klaſſen vor, von denen jede in 36 wöchentlichen Schulſtunden unterrichtet werden ſollte.

Auf dieſe Weiſe war neben der ſeither beſtehenden Privatſchule eine andere Anſtalt, die höhere Bürgerſchule, entſtandeu. Es entſpann ſich zwiſchen beid en ein verzweifelter Kampf um ihr Daſein. Beide ſuchten deshalb durch Bekanntmachungen im Groß⸗Gerauer Kreisblatt(Nr. 15 und

=. 10==