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willkürliche werden: geziemt es da nicht dem heutigen Philologen, die Interpretation der Dichter— denn um diese handelt es sich fast ausschlieſslich— durch Untersuchung über den Sprachgebrauch auf dem fraglichen Gebiete anzuregen und zu fördern, teilweise vielleicht auch von alten Irrtümern zu befreien? Denn dals die bereits in die Schule übergegangenen indischen Kategorieen zwar ein passender Rahmen für die mannigfaltigen Sprachgebilde sind, aber dennoch innerhalb dieses Rahmens noch einen gar weiten Spielraum lassen, der es dem sprachgewandten Autoren gestattet, die verschiedenartigsten Beziehungen innerhalb derselben Kategorie auszu- drücken,— darüber, denke ich, wird bald Niemand mehr im Zweifel sein. Ist man doch mit Recht auch auf anderen Gebieten bestrebt, die Autorität Paninis über Bord zu werfen, so namentlich in der Lautlehre, wo man jetzt sogar den Begriff der Wurzel, den dieser aufge- bracht hat, zu beseitigen sucht. Eine richtige Einsicht in diese Dichterfreiheit gewinnt aber nur der, welcher das Compositum in seinem Verhältnisse zu seinem Substantiv betrachtet. Denn wie will man z. B. 1 ¶ rovo- an der Hand jener Kategorieen erklären? Zunächst nach Ver- schiedenheit des Accents, falls dieselbe in den jeweiligen Verbindungen ersichtlich ist, in her- kömmlicher Weise: Weiber tötend(tatpurusha) oder von Weibern getötet(karmadharaja, wenn man die Art und Weise der Determination in nicht zu engem Sinne faſst). Aber Aor dαυο xrνο kann nur durch Weiber tötend bedeuten; und als Beispiel dafür, daſs auch die passive Deutung durch Weiber getötet nicht ausreicht, vergleiche man das nicht anzufechtende alu I0⁴οαππαονον Blut getöteter Schweine. Durch diese Mannigfaltigkeit der Verbindungen, welche ein Compositum mit seinem Substantivum einzugehen im Stande ist, scheint mir der Weg ge- zeichnet, den wir stets bei Untersuchungen über die Bedeutung derselben einzuschlagen haben: Es sind, wenn man anders dahin strebt, über herkömmliche Phrasen von tragischem Sprachgebrauch hinauszukommen, die gleichartigen, auffallen- den Erscheinungen zusammenzustellen und zu prüfen. Dann wird nicht blofs der Interpretation neue, gute Nahrung zugeführt, sondern auch ein wesentlicher Einblick in die syntaktische Verwendung der Composita überhaupt gewonnen werden. Derartige Untersuchungen scheinen ein dringendes Be- dürfnis zu sein, um„über tastendes Gefühl hinaus zu festen Einsichten in die Sprachkunst, den Satzbau und Stil der Tragödie zu gelangen“.
Damit wäre wohl der Zweck dieser Blätter dargethan, ihre Methode gezeichnet. Von Schriften, die sich teils mehr teils weniger in ähnlicher Weise mit der Bedeutung und dem freieren Gebrauch der Composita beschäftigt haben, nenne ich zunächst die in ihrem for- malen Hauptteile zwar nicht fehlerfreie, aber doch sehr brauchbare Comm. de Aeschylo voca- bulorum inventore von Todt, wo man S. 53—56 Versuche für eine Deutung und Sichtung unseres Themas findet. Am eingehendsten ist die Frage behandelt von Joh. Schmidt, de epithetis compositis in tragoedia graeca usurpatis(diss. Berol. 1865), eine Schrift, die jedoch ihrem Titel entsprechend auf Vollständigkeit keinen Anspruch machen kann. Ueber Euripides haben nach dieser Seite gehandelt: Schirlitz de sermonis tragici per Euripidem incrementis p. 94— 107.— Römheld de epithetorum compositorum apud Euripidem usu et formatione p. 144— 203.— Selbstverständlich hat auch W. Clemm in seiner Habilitationsschrift de com- positis graecis quae a verbis incipiunt p. 137 ff. wenigstens andeutungsweise die hier in Betracht kommenden Fragen behandelt.
Einzelne Seiten eines kühneren Sprachgebrauchs, ohne die Sonderstellung der Composita zu betonen, haben einer Betrachtung gewürdigt: Hense, poetische Personification in griechischen


