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Erörterungen die Folgerung ſich wohl ergeben haben dürfte, daß der ſatiriſchen Dichtungsform, wie ſie durch Horaz ihre Ausprägung erhalten, ein hoher poetiſcher Werth nicht nur, ſondern insbeſondere auch eine vorzügliche Kraft des Humaniſierens inne wohne, ſo will ich dieſe Behauptung doch noch durch einige Argumente zu ſtützen ſuchen.
Wir kommen hier wieder auf das Weſen der Satire im allgemeinen zurück, wovon ſchon zu Anfang die Rede geweſen, nunmehr, um zu erwägen, in welchem Verhältnis dieſe Dichtart zur ſchönen Poeſie ſtehe. Verſteht man unter der Satire eine bittere, oder trockene Verſpottung menſchlicher Thorheiten, ſo unterliegt es keinem Zweifel, daß ſolche Erzeugniſſe der Litteratur nicht als ächte Poeſie bezeichnet werden können. Denn„die didactiſche Poeſie“, um mit Göthe zu reden,„iſt und bleibt ein Mittelgeſchöpf zwiſchen Poeſie und Rhetorik, weshalb ſie ſich denn bald der einen, bald der andern nähert, auch mehr oder weniger dichteriſchen Werth haben kann; aber ſie iſt, ſo wie die beſchreibende, die ſcheltende immer eine Ab⸗ und Nebenart, die in einer wahren Aeſthetik zwiſchen Dicht⸗ und Redekunſt vorgetragen werden ſollte“. Erhebt ſich aber der Satiriker in das Gebiet des freien Humors und beſonders der dramatiſchen Komik, die unbeſtritten als die vollendetſte Form der Poeſie gilt, dann darf ihm der Lorbeerſchmuck des Dichters nicht vorenthalten werden. Keinem freilich iſt es auf dieſem Felde gelungen, zu jener freien Dichterhöhe ſich aufzuſchwingen— außer Horaz. Daß dieſer unter allen als Meiſter hervorrage(ſo be⸗ ſcheiden auch er ſelbſt über ſeinen Dichterwerth als Satiriker ſich ausgeſprochen 87), wird jeder einräumen, der dem Verfaßer dieſer Zeilen in ſeinen Entwickelungen getreulich folgend, die Satiriker der frühern und neuern Zeiten muſtert. Es haben freilich ſelbſt gewichtige Stimmen die Horaziſche Satire nicht ganz frei geſprochen von Anklängen an Bitterkeit und trockne Lehrhaftigkeit. Indeſſen ſollte ſelbſt für einzelne Stellen dies eingeräumt werden 8s), ſo läßt ſich hier für unſern Dichter das entſchuldigende Wort anführen, das er ſelbſt bei Homer, dem Vater und Meiſter der Dichtkunſt, zur Anwendung bringt (A. P. 351):
„Ubi plura nitent in carmine, non ego paucis
Offendar maculis, quas aut incuria fudit,
Aut humana parum cavit natura.* Es wird ja wohl auch niemanden beikommen, einem Ariſtophanes, oder einem Shakespeare den Dichter⸗ kranz zu entreißen, obgleich jener zuweilen ſehr bittre Ausfälle macht und in die directeſte Verſpottung ge⸗ räth, und ungeachtet dieſer mitunter nicht bis zur höchſten Stufe des freien Humors emporſteigt, und ſelbſt hie und da den unüberwundenen Weltſchmerz durchblicken läßt. Was gar die Formvollendung betrifft, ſo ſind alle Kunſtrichter von Quintilian ab darin einverſtanden, daß Horaz in der zwar einhei⸗ miſchen Muſtern nachgebildeten, aber von ihm originell geſtalteten Satire ſeine Vorgänger weit über⸗ troffen, und alle Spätern hinter ſich gelaßen habe.
⁸¹) Cf. Anm. 10, und beſonders Sat. I, 4, 39— 44. Horaz ſagt hier nemlich:„Er ſchließe ſich aus der Zahl derer aus, die er als wirkliche Dichter anerkenne. Denn es reiche nicht hin, einen Vers rhythmiſch zu formen, und der verdiene nicht Dichter zu heißen, der, wie er ſelbſt, im Geſprächston ſchreibe. Es ſei darum auch die Frage aufgeworfen worden, ob die Komödie als Dichtung gelten könne.“ Aus dem ganzen Contexte geht hervor, daß dieſe Selbſtkritik nicht buchſtäblich zu faßen iſt(eben ſo wenig wie an einer anderen Stelle weiter oben V. 17— 23); denn 1) bringt er die Frage, ob die Satire zur höhern Poeſie zu rechnen ſei, in den directeſten Zuſammenhang mit der Frage über den poetiſchen Werth der Komödie(an welchem h. z. T. niemand mehr zweifeln wird), ſo zwar, daß das Urtheil über den dichteriſchen Werth der Komödie zugleich auch für die Satire gelte; und 2) bezeichnet er ſelbſt(ibid. V. 63) die Frage als eine offene, die er nicht entſcheiden wolle.
³s) wobei ich die Frage hier unerörtert laßen will, ob dieſer Tadel nicht auf andere Gattungen poetiſcher Erzeugniſſe unſers Dichters zu beziehen ſein dürfte, oder vielmehr ob Horaz nicht ſelbſt durch die Art und Weiſe der Zuſammenſtellung ſeiner verſchiedenen Dichtungen den von ihm ſelbſt erkannten höhern oder geringern äſthetiſchen Werth derſelben bemerklich machen wollte.


