Jahrgang 
1859
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Es könnte nun vielleicht zwar der hohe poetiſche Werth der ſatiriſchen Dichtungen des Horaz aner⸗ kannt, dagegen die ſittlich veredelnde Bedeutung derſelben beſtritten werden. Wenn gleich in unſerer Zeit die äſthetiſchen Grundſätze des gebildeten Publicums im allgemeinen in ſo weit als feſtſtehend und über⸗ einſtimmend angenommen werden dürfen, daß der dichteriſche Werth jedesmal den moraliſchen vorausſetze oder involviere, ſo fehlt es doch h. z. T. auch nicht an ſolchen, welche uns wieder auf den weiland plato⸗ niſchen Standpunct zurückverſetzen, und wie Plato freilich aus wohl berechtigten, ſeinen politiſch⸗philo⸗ ſophiſchen Zwecken entſprechenden Motiven aus ſeinem Ideal⸗Staat den Homer verdrängt ſehen, ſo aus pädagogiſchen Gründen die Litteraturſchätze des claſſiſchen Alterthums nur ingereinigter Geſtalt der Jugend überliefert wißen wollen, denen auch der Satiriker aus Venuſia ein Aergernis iſt. Es wird alſo wohl nicht überflüßig erſcheinen, auch über die moraliſche Gefahrloſigkeit der Lectüre des Horaz noch ein Wort zu ſagen. Hier könnte ich nun auf eine Autorität mich berufen, die Anerkennung fordern darf ich meine Herder, der in dieſer Beziehung ſich alſo ausſpricht 59):Petrarca ſagte, daß er bei keinem lateiniſchen Dichter ſo beßer geworden ſei, als bei Horaz. Shaftesbury, Hagedorn, Uz und wie manche andre ſagten ein gleiches; und an einer andern Stelle 90):Viele Oden des Horaz, noch mehr aber ſeine Sermonen und ſ. g. Satiren ſind feine Bearbeitungen der Menſchheit; ſie haben alle, wenigſtens mittelbar, zum Zweck, einen Umriß in das rohe Gebilde des Lebens zu bringen, die Ideen und Sitten jener Perſon, dieſer Stände nach dem Richtmaß des Wahren und Guten, des Anſtändigen und Schönen zu ordnen. Allein ich möchte meine Meinung auch durch Hinweiſung auf die moraliſche Berechtigung des Komiſchen überhaupt unterſtützen.Die Komödie ſoll uns, nach Leſſings ⁰¹) Urtheil,zur Fertigkeit verhelfen, alle Arten des Lächerlichen leicht wahrzunehmen. Wer dieſe Fähigkeit beſitzt, wird in ſeinem Betragen alle Arten des Lächerlichen zu vermeiden ſuchen, und eben dadurch der wohl erzogenſte und ge⸗ ſittetſte Menſch werden.Ein Präſervativ iſt auch eine ſchätzbare Arznei ⁹²), und die ganze Moral hat kein kräftigeres, wirkſameres als das Lächerliche. Und Lucian ſagt:Ich weiß gar zu gut, daß der Spott nichts ſchlechter macht, und daß im Gegentheil das wahre Gute und Schöne, wie das Gold unter Hammerſchlägen dadurch nur um ſo reiner und heller ſtrahlt. Ja man könnte das Lachen die furcht⸗ barſte Waffe und eben daher das beſte Beßerungsmittel nennen. Sollte mithin nicht ein jeder, deſſen Beruf auf Pflege ächter und wahrer Humanität hingerichtet iſt, ſich dazu aufgefordert fühlen, ſo oft ſich Gelegenheit bietet, die Würdigung der Horaziſchen Satiren in ihrem ſittlich veredelnden Einfluße auf Ge⸗ ſinnung und Lebensrichtung zu fördern, und den Spott des Venuſiniſchen Dichters in das rechte Licht zu ſetzen? Hierzu durch dieſe Abhandlung nach Kräften beizutragen, iſt der Wunſch und der leitende Grund⸗ gedanke des Verfaßers dieſer Zeilen ⁰³).

89) zur römiſch. Litteratur, Bd. XI, S. 97.

5⁰) Ideen zur Geſchichte und Kritik der Poeſie und der bildenden Künſte. Bd. XV, S. 67.

) Freundſchaftliche Briefe. Bd. VIII, S. 38.

*²) Hamburgiſche Dramaturgie. Bd. V, S. 179.

*²) Die in dieſer Abhandlung ausführlicher beſprochenen Stellen ſind nach der Reihenfolge der einzelnen Satiren folgende: I, 1, 113(S. 20), 15 27(S. 4 u. 20), 2840(S. 8), 27 121(S. 21 u. Anm. 81), 45 49(S. 7), 51 60(S. 6), 61 72(S. 7), 68 70(S. 22), 80 85(S. 8), 114(S. 12 u. Anm. 42); I, 2(S. 10); I, 3, 1 40 (S. 14 u. Anm. 48 52), 126 142(S. 8, Anm. 26); I, 4(S. 3, Anm. 10), 13(S. 14), 39 44(S. 23, Anm. 87), 78 101(S. 16 u. Anm. 5355); I, 5, 9 u. 10(S. 13), 5158(S. 12 u. Anm. 43), 5169(S. 5); 1, 7(S. 5, Anm. 18 u. S. 13); I, 3(S. 4); I, 9(S. 12); II, 1, 39 46(S. 3, Anm. 9), 83 u. 84(S. 5); II, 2 (S. 9 u. 14); II, 3(S. 11); II, 4(S. 9 u. 12); II, 5(S. 8, 12 u. Anm. 41 u. S. 22); II, 6, 79 117(S. 7 u. 9); II, 7(S. 12 u. Anm. 39); Epod. 2(S. 10); A. P. 419 421(S. 12).

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