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herſchenden Theologie in Oppoſition tritt; ſodann wie er bei jenen Materien, welche die erotiſchen Aus⸗ ſchweifungen betreffen, ſich ausſpricht. In letzterer Hinſicht beſchränke ich mich darauf, an ein Wort Herders ⁵⁵) zu erinnern:„Ueberhaupt darf man ſagen, daß die Horaziſche Muſe nie zur Lüſternheit reize. Stellt man die Oden dieſer Art in ihren mancherlei Situationen neben einander, ſo wird man einerſeits eine römiſche Lebensweiſe, die wir gewiſs nicht zurückwünſchen, andererſeits eine ernſt moraliſche Grazie des Dichters gewahr, ſich bemühend, auch dieſen Scenen wenigſtens ehrbaren Anſtand zu geben. Bei Jünglingen und Männern verfolgt er den Dienſt der cypriſchen Göttin ebenfalls bis zu ihrer Ent⸗ laßung aus ihrem Dienſte in ſehr wohl gewählten Momenten, ſo daß es nur eines verſtändigen Winkes bedarf, um den Leſer dahin zu ſtellen, wohin ihn der Dichter haben wollte. Dahin aber gelangt er nicht, wenn man mit einem geheimen Kitzel antiquariſch an jeder Farbe des Gemäldes haftet, vergeßend den Zweck des Ganzen“. Was ſodann den„religiöſen“ Standpunct des Horaz betrifft, ſo wird ſich keine Stelle auffinden laßen, worin ſich nur annäherungsweiſe ein Anklang an jene ſchon von Hegel gegeiſelte, immer aufs neue wiederkehrende, falſche„Ironie“ erkennen ließe, an jene„Virtuoſität eines ironiſch künſtleriſchen Lebens, die ſich als eine göttliche Genialität erfaßt, für welche alles und jedes nur ein weſen⸗ loſes Geſchöpf iſt, an das der freie Schöpfer, der von allem ſich los und ledig weiß, ſich nicht bindet, indem er dasſelbe vernichten wie ſchaffen kann, vornehm auf alle übrigen Menſchen niederblickend, die er für beſchränkt und platt erklärt, inſofern ihnen Recht, Sittlichkeit u. ſ. f. noch als feſt, verpflichtend und weſentlich gelten“. Unſerm Dichter iſt die Mythologie freilich nur Allegorie, aber eine poetiſche Hülle, die eine tiefe Weisheit als ihren Kern einſchließt. Er iſt überzeugt, daß die Mythen nicht buch⸗ ſtäblich, ſondern geiſtig aufzufaßen ſeien; und er ergreift jede ſich darbietende Gelegenheit, bei jenen Fabeln, die der große Haufe entweder buchſtäblich glaubte oder frivol verlachte, die höhere Deutung hervorzuheben, oder ihnen ſelbſt einen tiefern Sinn anzudichten, wie wir oben ſchon geſehen haben 5⁶):
„Tantalus a labris sitiens fugientia captat
Flumina— Quid rides? Mutato nomine de te
Fabula narratur.“ Wer hier das ſittlich würdige Streben des Dichters verkennen wollte, müßte ſelbſt alles höhern Lebens⸗ ernſtes baar und ledig ſein.— Auch in der 5. Satire des 2. Buchs haben wir ein treffendes Beiſpiel, wie Horaz die traditionell erhaltenen mythologiſchen Perſonen und Localitäten als Folie ſeiner moraliſie⸗ renden Betrachtungen benutzt: ähnlich ſo, wie der Fabeldichter die einzelnen Thiere als wohl bekannte Repräſentanten vorführt, die ohne weiteres bei jedem Hörer eine beſtimmte Vorſtellung eigenthümlicher Züge aus dem Seelenleben erwecken, und die Application der„Moral oder guten Lehre“ erleichtern. Man kann in dieſem etwas burlesk gehaltenen Dialog des Tireſias und Odyſſeus im Reiche der Todten keinen Beweis für die Frivolität unſers Dichters finden, der„mit dem Heiligſten ſeinen Spott treibe“; man wird vielmehr die edle Entrüſtung desſelben über die Schlechtigkeit ſeiner Zeitgenoßen erkennen. Wenn er ſeinen Abſcheu nicht direct ausdrückt, ſondern als Ironiker auftritt, ſo zeigt er eben nur die freie Er⸗ hebung ſeines Geiſtes, die ſiegreich der Nichtswürdigkeit ſich gegenüberſtellt.
So viel über das Weſen der Horaziſchen Satire. Ich könnte damit dieſe Abhandlung abſchließen, nicht als ob ich glaubte, den Gegenſtand erſchöpft zu haben, ſondern weil ich nach beſten Kräften meine Meinung nach allen Beziehungen ausgeſprochen. Indeſſen verbleibt mir nach den in der Einleitung ge⸗ gebenen Andeutungen noch die Obliegenheit, einiges zur Beleuchtung der Frage beizufügen, welche Bedeut⸗ ſamkeit für die Humanitätsſtudien die Horaziſchen Satiren haben. Obgleich nach den vorausgehenden
⁵⁵) zur römiſchen Litteratur XI. Bd., S. 78. 3⁶) bei Beſprechung der Stelle I, 1, 68— 70.


