Jahrgang 
1859
Einzelbild herunterladen

11

Ueberlegenheit einräumen, ihren Defekt durch ſcheinbar begeiſterte Anpreiſung der ihnen ſelbſt nicht bei⸗ wohnenden Vorzüge zu verdecken ſuchen. So wollte auch hier der Wucherer Alfius unſerm Poeten gegen⸗ über, dem der Reiz ſorgloſer Zurückgezogenheit auf ſeinem Sabinum über alle andern irdiſchen Genüße gieng, den Schein annehmen, als ſchwärme er für das Landleben und haße den Gelderwerb, indem er nem⸗ lich recht wohl von der Erbärmlichkeit ſeines bisherigen Treibens ſich überzeugt fühlte. Horaz geiſelt den Heuchler durch Traveſtierung: er gibt die verſtellte Lobrede des Landlebens getreulich wieder, um⸗ kleidet aber den angenommenen ernſten Schein derſelben mit einer komiſchen Form, einestheils in den ſatiriſchen Schlußworten, woraus erſichtlich wird, daß ſeine Handlungsweiſe mit ſeinen Worten nicht im Einklang ſteht, und anderntheils in betonter Hervorhebung der hohlen Emphaſe ³⁴), welche ſehr oft das Kennzeichen derartiger Expectorationen iſt. Aehnliche Traveſtierungen ſind die 3. und 4. Sat. des 2. Buchs, wo der ſtoiſche Tugendſchwätzer Damaſippus und der epicureiſche Pedant Catius gleichfalls durch carrikierende Abſpiegelungen ihrer Declamationen in derſelben Manier an den Pranger geſtellt werden. ImDamaſippus wird der komiſche Anſtrich der Herzensergießungen des aufgeblaſenen Aretalogen hauptſächlich durch die nüchternen Einwürfe und witzigen Parentheſen des Horaz gewonnen ³⁵), ferner durch die betonte Abſchilderung ſeines weitſchweifigen, albernen Raiſonnements(V. 103 sqq.), ſeiner abſurden Haarſpaltereien(V. 134 sqq.) und der unnöthig verſchwendeten Beredtſamkeit ³⁶), überhaupt durch Kenn⸗ zeichnung der auffallenden Kunſtloſigkeit ſeines Vortrags, indem er bald durch feierliches Pathos(V. 223), bald durch pikante Manier der Darſtellungs?) Effect zu machen ſucht, dabei aber keinen innern Zuſammen⸗ hang der Ideen wahrnehmen läßt, ſondern die einzelnen Gedanken wie die Perlen an einer Schnur loſe an einander reiht, und ſelbſt gegen die logiſche Folgerichtigkeit verſtößt.¹8) Die Verſpottung des epicureiſchen

³4) wie zu Anfangprocul negotiis« undsolutus omni foenore«, womit offenbar der Wucherer ſeine Gewinnſucht maskieren will, und V. 1922, wo derſelbe, um jeden Gedanken an dieſe niedrige Leidenſchaft fern zu halten, ſagt, der Landmann freue ſich nur deshalb über ſeine Birnen, weil ſiegepfropft ſeien, d. h. weil er ſeiner Hände Werk gelungen ſähe, und nur deshalb über ſeine Trauben, weil ſie ſoſchön gefärbt ſeien; und noch deutlicher tritt dieſe Sorgfalt, den Gedanken an Gewinnſucht fern zu halten, hervor in den unmittelbar darauf folgenden Wortenqua muneretur etc.«, die den Sinn enthalten:das iſt die größte Freude des Landmanns, daß er ſeine Götter ehren kann; womit die Worte jucunda captat praemia« keineswegs im Widerſpruch ſtehen, in ſo fern er ganz zuletzt und nur nebenbei auch die Beute oder den Lohn der Jagd erwähnt.

³⁵) So V. 16: Nachdem Damaſippus im beſten Zuge war, eine pathetiſche Anklage gegen die litteräriſche Schlaffheit des Dichters zu führen, entgegnet dieſer:Für dieſen guten Rath mögen dich die Götter mit einem Haarſchneider beſchenken. Ferner V. 30 u. 31: Als der Stoiker in die affectvollſten Geſticulationen geräth, dämpft Horaz ſeinen Eifer durch den Zuruf:Demonſtriere ſo viel du willſt, nur gehe mir nicht zu Leibe! Und V. 160: Nachdem er Fragen auf Fragen gehäuft, die er an ſich ſelbſt gerichtet, wird er plötzlich von dem Dichter durch die FrageCur Stoice« interpelliert lſo faße ich nemlich mit Döderlein dieſe Stelle auf], der nach der entſetzlich ermüdenden Declamation ſich dadurch einigermaßen Luft macht, und durch dieſes Chaos von Fragen Heiterkeit erweckt.

³6) wie bei Dingen, die ſich von ſelbſt verſtehen, z. B. V. 225, wo er mit großem Aufwand von Eloquenz darthut, daß auch die Schlemmer Narren ſind.

²) z. B. durch Anſpielungen auf bekannte Stellen in Tragödien und Comödien; ef. V. 131 sqq., 60 62, 150 158 etc.

³s) Als ihn nemlich am Schluß ſeines ellenlangen Sermons Horaz fragt, für welche Art von Narren er ihn ſelbſt nun halte, deduciert Damaſippus die Narrheit desſelben daraus, daß er Gedichte ſchreibe, obgleich er doch zu Anfang der Satire ihm derbe Vorwürfe über ſeine litteräriſche Unthätigkeit gemacht hatte.[Ohnehin ſtellt ſich nun heraus, daß die ihm vorgeworfene Tollheit entweder ſich auf geringfügige ſittliche Abirrungen(wie aufbrauſendes Weſen und Verliebtheit) beſchränkt, über die er alſo hier ſich gelegentlich ſelbſt luſtig macht, oder auf wirkliche Vorzüge(wie das Dichten), oder auf ſolche Untugenden, die ſich als offenbare Verläumdungen erweiſen(wie die Bauwuth und die Sucht, den Mäcenas nachzu⸗ äffen), ſo daß Horaz eine Selbſtvertheidigung natürlich für überflüßig hält. Ich hebe dieſes hier beſonders um deswillen hervor, weil Döderlein die Behauptung auſſtellt, daß hier lauter Vorzüge gemeint ſeien, womit ich mich nicht einverſtanden

erklären kann.] 1

2*