Jahrgang 
1859
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preis, aber er, wie Mäcenas, mit dem er bereits faſt acht Jahre ³¹) auf dem vertrauteſten Fuße geſtanden, von dem er ſogar ſein Sabinum als einen Beweis ſeiner Zuneigung erhalten ³²), weiß recht wohl, wie dieſeVerunglimpfung zu würdigen iſt. Der Ironiker will andere, ihm und ſeinem Freunde wohl bekannte Leute zeichnen, welche allen den unvermeidlichen Plackereien, die ihm ſelbſt zuwider ſind, ſich ge⸗ flißentlich ausſetzen, weil ſie von Beweggründen getrieben werden, die dem Dichter ſelbſt fremd ſind, als Habgier oder Ehrbedürftigkeit, um in die Gunſt der Großen, das Hauptmittel zu ihren Zwecken, ſich ein⸗ zuſchleichen, welche ihm ungeſucht in dem Wohlwollen des Mäcenas dem reinſten und uneigennützig⸗ ſten Verhältniſſe zu Theil geworden. Alle Herausgeber haben in dieſer Dichtung kein ſatiriſches Element, ſondern nur eine Herzensergießung des Dichters über den Reiz des Landlebens finden wollen. Allein zwei Umſtände machen dieſe Annahme bedenklich; einmal fragt es ſich, warum Horaz dieſes Gedicht unter ſeine Satiren aufgenommen habe ³³); ſodann: würde nicht die auffallende Betonung der Unan⸗ nehmlichkeiten, welche dem Dichter ſeine Bekanntſchaft mit Mäcenas zugezogen, als eine kaum erklärbare Indiscretion erſcheinen, wenn nicht durch die Ironie, welche der Darſtellung zu Grunde liegt, in dem angedeuteten Sinne, dieſe ſcheinbare Tactloſigkeit ſich aufheben würde? Die Verdeckung der Abſicht gehört eben zum Weſen der Ironie; dieſe ſcheinbare Abſichtsloſigkeit iſt einer Kriegsliſt zu vergleichen, wodurch der Feind ſicher gemacht und dann unerwartet überrumpelt wird. Aber eine beſtimmte Abſicht iſt immer obwaltend, was man hier nicht immer gelten laßen wollte. Man hat ſogar gegen dieSpottriecherei in den Horaziſchen Satiren polemiſiert, was wohl zuweilen begründet erſcheint, doch dann zu weit ge⸗ trieben ſein dürfte, wenn man behaupten will, daß es einzelne ſatiriſche Dichtungen des Horaz gäbe, in denen die Abſicht der Verſpottung nicht vorausgeſetzt werden könne. Darunter leidet der poetiſche Werth keineswegs; es kommt eben nur darauf an, daß der Dichter ſeine Abſicht nicht urgiert; und je mehr er dieſelbe zu verdecken verſteht, einen deſto höhern äſthetiſchen Werth wird die Dichtung haben.

Endlich will ich noch die 2. Sat. des 1. Buchs hier nicht unerwähnt laßen, welche in der ganzen Art der Darſtellung unſern heutigen Begriffen von Decenz durchaus widerſpricht. Ich beſchränke mich darauf, auf Döderleins überaus feine und treffende Bemerkung über dieſe Dichtung hier zu verweiſen:In dieſer Reticenz, daß Horaz alle Gründe r αινεια, die den Ehebruch verdammen, gänzlich ignoriert (denn er kennzeichnet den Ehebruch weder als Unſittlichkeit, noch als Rechtsverletzung, ſondern lediglich als Thorheit, welche Gut und Blut und Ruf muthwillig und ohne Noth in Gefahr ſetze) und nur die gemeinſten argumenta ad hominem anführt, liegt eine der Satire wohl anſtändige Ironie. Horaz geht alſo mit denen, welche in dieſer Beziehung ſich verſündigen, auf diejenige Art des Raiſonnements ein, für welche allein ſie Empfänglichkeit haben.

e) Epod. 2.

Es iſt eine bekannte Erfahrung, daß viele Menſchen, wenn ſie ſich irgend eines geiſtigen, ſittlichen oder körperlichen Mangels bewußt ſind, Angeſichts derer, welchen ſie in dieſer Beziehung ſtillſchweigend

³¹) wie er ſelbſt im 40. V. ſagt.

³2²) wofür er im Anfang dieſer Satire den wärmſten Dank ausſpricht.

4z) Heindorf will von Spott und Scherz hier kaum eine Spur finden, obgleich Horaz ausdrücklich ſagt(V. 19), daß dieſe Dichtung eine Satire ſei(Quid prius inlustrem satiris musaque pedestri?). Teuffel hilft ſich dadurch aus der Schwierigkeit, daß er annimmt, Horaz habe hiereine satura in Luciliſcher Manier, d. h. eine Art von Idylle, mit dem Hauptzwecke der Selbſtdarſtellung entworfen. Dagegen läßt ſich einwenden, daß Horaz ſelbſt(in der 4. u. 10. Sat. des 1. Buchs) das Weſen der Luciliſchen Satire ganz anders characteriſiert: als inengſter Beziehung zu der alt⸗attiſchen Komödie ſtehend, welche mit großem Freimuthe alle geiſelte, die eine Rüge verdienten. Läßt endlich doch auch die Stelle Sat. I, 4, 2433 keinen Zweifel darüber, daß die Horaziſchen Satiren Verſpottung beabſichtigen, und daß bei Horaz noch weniger als bei Lucilius an den urſprünglichen Charakter der satura(wie er noch bei Pacuvius und Ennius ſich zeigt) zu denken iſt.