Sat. II, 4(88— 95).
Nach meinem Dafürhalten ſtellt ſich in dieſer Satire die Ironie in ihrer ausgeprägteſten Geſtalt dar, als ſcheinbare Billigung und Lobpreiſung bei wirklicher Geringſchätzung. Horaz nimmt die Miene an, als habe nichts anderes ein höheres Intereſſe für ihn, als die perſönliche Bekanntſchaft mit jenem Meiſter zu machen, deſſen Schüler Catius ihm die Lehrſätze der raffinierteſten Gaſtronomie mitgetheilt hatte. Wer kann hier den Ironiker verkennen, der ſelbſt ein Anhänger der epicureiſchen Weisheit im hö⸗ hern und edlern Sinne, ſich ſchmerzlich berührt fühlen mußte, ſeines Meiſters Grundſätze ſo entwürdigt zu ſehen? der alſo durch eine humoriſtiſche Schilderung dieſer Pſeudo⸗Epicureer von ſeinem Unmuthe ſich zu befreien, und ſeine eigene höhere Stellung dieſen Wichten gegenüber fühlbar zu machen ſuchte. Und doch will Weber eine ſinnreiche Apologie der Gaſtronomie in dieſer Satire finden. Ueberhaupt ſind über dieſe Dichtung die ſeltſamſten Vermuthungen geäußert worden. Heindorf hat die Wieland'ſche An⸗ ſicht, daß Horaz hier ſich ſelbſt perſifliere, zwar genügend verworfen; indeſſen glaubt er ²*⁷) ſonderbarer Weiſe, den Mäcenas als den Beſpöttelten bezeichnen zu müßen, da wir doch aus der 3. und 4. Sat. des 2. Buchs aufs unzweideutigſte erkennen, daß Horaz ſich einer derartigen ſpeciellen Verſpottung des Mäcenas, ſeines Freundes und Gönners, nicht würde ſchuldig gemacht haben. Auch findet Heindorf die „Miſchung des Seltſamen und Unwahren in den vorgetragenen Regeln mit dem Gewöhnlichen und An⸗ erkannten“ auffallend, wozu der neuſte Herausgeber des Heindorf'ſchen Commentars, Döderlein, eine berichtigende Anmerkung zu machen nicht für gut befunden hat.
Sat. II, 2.
Das ironiſche Moment liegt hier darin, daß Horaz ſich ſtellt, als wäre die Herzensergießung des Landmanns Ofellus über das Glück eines naturgemäßen frugalen Lebens und deſſen Verſpottung der Schlemmerei der Reichen nicht ſeine eigne Meinung ²³), und als wolle er ſich von ihm belehren laßen, als ſeien ihm dies neue, obwohl glaubwürdige Dinge. Zuweilen tritt er wie hinter dem Vorhang hervor und raunt uns eine commentierende Bemerkung ins Ohr, um die Aeußerung des Ofellus ins rechte Licht zu ſetzen“²). In Wirklichkeit aber iſt ihm dieſe Form der Darſtellung nur ein willkommenes Mittel, um deſto derbere Wahrheiten ſagen zu können, zumal dieſelben in ſolchen Kreiſen einſchlagen ſollten, wo er ſeine Anſichten über dieſen Punkt nicht unverhüllt vortragen konnte.— So iſt eben die Ironie eine Manier von unerſchöpflicher Kraft und kaum definierbarem Weſen.
Sat. II, 6.
Es gehört zur Manier der Ironie, ganz im allgemeinen zu ſprechen, aber einen Einzelnen im Auge zu haben ³⁰), und umgekehrt, einen Beſtimmten zu nennen und deſſen Verhältniſſe zu beleuchten, zugleich aber und zwar vorzugsweiſe andere, nicht genannte, vor die Seele des Hörers oder Leſers zu ſtellen. So dürfte wohl die citierte Satire aufzufaßen ſein, in der Horaz ſein Verhältnis zu Mäcenas als ein nicht durchaus beneidenswerthes ſchildert, wegen der Misgunſt, die ihm daraus erwachſe, wegen der vielfachen Beläſtigungen, die dasſelbe ihm veranlaße, weshalb er ſich glücklich preiſt, auf ſeinem Sabinum einer ſorgenfreien Behaglichkeit ſich überlaßen zu können. So gibt er ſcheinbar ſeinen Freund und ſich ſelbſt
²²) Und ſo auch Teuffel, der Fortſetzer des Kirchner'ſchen Commentars.
*⁸) Er ſagt dies ausdrücklich zu Anfang der Satire(V. 2 u. 3):»Nec meus hie sermo est, sed quae praecepit Ofellus rusticus, abnormis sapiens crassaque Minerva.«
2²⁰) So V. 112—114.
²⁰) So I, 3, 29— 36, wo Horaz von den geringfügigen äußerlichen Schattenſeiten und den überwiegenden Vorzügen ſeines Freundes Virgil ſpricht, ohne dieſen ſelbſt mit Namen zu nennen(wobei übrigens natürlich keine ſatiriſche Abſicht zu Grunde liegt).
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