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tung jener Mythe als einer ſinnigen Allegorie über ſeine erbärmliche Lage wird das Hohnlachen des alten Sünders bei dieſer Anſpielung aufs wirkſamſte abgefertigt.
d) Sat. I, 1, 28— 40.—
Horaz begleitet hier den Habſüchtigen in ſeiner vermeintlichen Rechtfertigung; er nimmt die Miene an, als wolle er ſich von ihm belehren laßen, und läßt ihn ſeine Gründe vortragen, ohne ihn zu unter⸗ brechen, bis jener auf einem Puncte angelangt iſt, wo der falſche Schein leicht in die Augen ſpringt, weshalb er nun plötzlich ſeine Maske fallen läßt, und dem Verſpotteten ſeine Thorheit fühlbar macht, ſo daß er ihn mit ſeinen eignen Waffen ſchlägt. Das Beiſpiel von der ſammelnden Ameiſe, welches der Geizhals zur Beſchönigung ſeines Laſters anführt, hält Horaz feſt, und wendet es an, um jenen ad ab- surdum zu führen. Wenn Wieland oben von einer„äſopiſchen Manier“ ſprach, ſo könnte man dieſe — die Ironie— die„ſokratiſche“ der Verſpottung nennen. Horaz ²“) ſelbſt bezeichnet dieſelbe näher mit den Worten:
Et sermone opus est modo tristi, saepe jocoso, Defendente vicem modo rhetoris atque poëtae, Interdum urbani parcentis viribus atque Extenuantis eas consulto.
Das egoiſtiſche, kalte Gegenüberſtellen der eignen ſittlichen und geiſtigen Ueberlegenheit, welches ſelbſt zum beißenden Sarkasmus wird(wie in derſelben Satire Vers 80— 85) ²⁶), darf dem Ironiker nicht zur Laſt gelegt werden, wenn er, wie hier, mit einem Individuum in Berührung tritt, bei welchem Hopfen und Malz verloren iſt, das alſo höchſtens ein Hohnlachen verdient. Der Egoismus, welcher dieſe und andre Formen des Witzes entſtehen läßt, wurzelt in dem Gefühle des eignen Werthes, deſſen der Satiriker ſich bewußt iſt, der Verdorbenheit der Maſſe gegenüber, gegen welche er ſich durch Verlachung in ſeiner Ueberlegenheit zu behaupten ſucht. In dieſem Falle iſt der Witz in ſeiner vollen Berechtigung. Wollte er freilich ſich auf ein anderes Feld wagen, ſo würde das Wort Schillers ſeine Anwendung finden:
„Krieg führt der Witz auf ewig mit dem Schönen, Er glaubt nicht an den Engel und den Gott, Dem Herzen will er ſeine Schätze rauben,
Den Wahn bekriegt er und verletzt den Glauben.“
Weiter unten werde ich dieſen Punct genauer in Erwägung ziehen, wo ich die Frage beantworte, ob ſich Horaz von dem Vorwurfe der Frivolität frei zu halten gewußt.
Jene ironiſche Manier der Verſpottung finden wir in einzelnen Satiren von Anfang bis zu Ende durchgeführt, wie in der 5. Satire des zweiten Buchs, welche eine Darſtellung der niedrigen Ränke der Erbſchleicher enthält, eingekleidet in ein Geſpräch zwiſchen Tireſias und Odyſſeus in der Unterwelt, von Heindorf mit vollem Recht ein„Meiſterſtück der Ironie“ genannt.— Wir wollen uunn noch einige Satiren etwas näher beleuchten, wo die Herausgeber den ironiſchen Character der Darſtellung zum Theil verkannt haben dürften.
²⁵) I, 10, 11 sqq.
²³) Man vergleiche namentlich auch I, 3, 126—142, wo der ſarkaſtiſche Abſchluß einer ironiſchen Gedanken⸗Entwicke⸗ lung aufs deutlichſte zu erkennen iſt. Nachdem Horaz den ſtoiſchen Satz,„daß der Weiſe Meiſter in ſämmtlichen Künſten und allein König ſei“, in ſtoiſcher Weiſe begründet, und ſomit die Miene angenommen, als ſei er nun belehrt und überführt, folgt plötzlich mit überraſchender Wendung der ſchneidendſte Hohn, indem die vermeintliche Majeſtät in ihrer Bettler⸗Glorie dargeſtellt wird, als Zielſcheibe des Muthwillens für die Straßenjugend.— Aehnlichen Sarkasmen begegnet man: I, 2, 95; I, 2, 134; I, 2, 46; 1, 3, 133; I, 5, 2 u. 3; 1, 8, 11; II, 1, 56 u. ſ. w.


