Jahrgang 
1859
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das Ufer war abſchüßig, und vom öftern Austreten des Stromes in Regenzeiten ziemlich locker; indem nun der Junge mit Mühe hinunter kletterte und ſich bückte, um ſeinen kleinen Becher zu füllen, brach der morſche Boden mit ihm, und er fiel hinab. Hätte er ſich nicht noch zu gutem Glück im Herabglitſchen an einer jungen Weide feſt gehalten, der Strom würde ihn ohne Rettung mit ſich fortgerißen haben. Aber ſo kam er noch mit der Angſt und viel Waſſer in den Schuhen davon, und brachte wenigſtens ſei⸗ nen Becher voll zurück; aber wie er ihn an den Mund ſetzte, war das Waßer ſo trüb und leimicht, daß er es nicht einmal trinken konnte. Der Geizhals mag die Moral aus der Fabel ziehen! So würde ungefähr die Fabel lauten, auf welche Horaz hier, als ob ſie ſchon gemacht vorhanden wäre, anzuſpielen ſcheint. Der ganze Unterſchied liegt darin, daß er die Erzählung in die Nutzanwendung, die er davon auf den Geizigen macht, unmittelbar verwebt, und indem er das Geſchichtchen nur durch leichte Striche andeutet, dafür die darin liegende Allegorie mehr entwickelt, und jeden kleinen Umſtand zum Vortheil ſei⸗ nes moraliſchen Zweckes geltend macht, nemlich den alten Erſahrungsſatz anſchaulich zu machen, daß der Geizige, der, um ſeinen großen Haufen, wovon er doch nur wenig braucht, zuſammernzuſcharren, ſich einer Menge vergeblichen Mühe und Gefahr unterzieht, und zuletzt auch nicht einmal das Wenige, was er da⸗ von hat, rein genießt, aus dieſem doppelten Grunde ein Thor und ein armer Teufel iſt. Auf einen Umſtand glaube ich hier noch beſonders hinweiſen zu müßen, worin eine beſondere Feinheit des Ausdrucks liegen dürfte, welche Wieland nicht als ſolche hervorhebt. Gerade das Weglaßen der Mittelglieder nem⸗ lich, welches die Kürze des Ausdrucks zur Folge hat, iſt weſentlich für den ſatiriſchen Effect. Eine detail⸗ lierende Erläuterung würde der witzigen Beziehung der beiden Vorſtellungskreiſe die eigentliche Spitze be⸗ nehmen. Wenn Horaz an einer andern Stelle(II, 6, 79 117) gleichwohl mit aller möglichen Breite und Ausführlichkeit der Darſtellung in der Fabel von der Stadtmaus und Feldmaus das nicht beneidenswerthe Loos des Städters im Gegenſatz zur Sorgloſigkeit des Landlebens ſchildert, ſo bezeichnet er dies ausdrücklich als eins der Kindergeſchichtchen, die ſein geſchwätziger Nachbar Cervius nach ſeiner Gewohnheit auf ſeinem Sabinum ihm aufgetiſcht, und er erreicht hier ſeinen ſatiriſchen Zweck ²4) dadurch, daß er mit naturgetreuer dramatiſcher Abſpiegelung einen andern ſeine Fabel vortragen läßt..

Auf gleicher Linie mit der ſatiriſchen Fabel, wovon wir in den ſo eben vorgeführten Beiſpielen Muſter geſehen haben, ſteht die ſatiriſche Erzählung und Vergleichung, wozu noch einige Stellen als Belege hier folgen mögen:

Sat. I, 1, 45 49.

Hier wird der reine Widerſpruch, der im Geize ſelbſt liegt, durch eine ſatiriſche Vergleichung ver⸗ anſchaulicht, die eine größere Wirkung hervorbringt, als wenn der Dichter dem Geizhals etwa unter Prü⸗ geln ſein Geld hätte nehmen laßen. Hier hat alſo ein feiner Witz ſeine voll berechtigte Stelle, weil es ſich darum handelt, die logiſche Inconſequenz in den Berechnungen des Habſüchtigen an den Pranger zu ſtellen. Im Fortgang desſelben Sermons(V. 6172) holt der Satiriker eine Vorſtellung aus einem ganz entlegenen Kreiſe herbei durch einen küͤhnen Sprung der Gedanken das glänzende Elend des Tan⸗ talus und wirft ſie mit der des vorliegenden Gegenſtandes dem nicht beneidenswerthen Looſe des habſüchtigen Reichen in Einen Zuſammenhang. So greift der Witz nach allen Seiten hin kühn in die unendliche Welt des Vorſtellbaren, hier in das Bereich der Mythe, eine um ſo frappantere Wendung, als vorausgeſetzt werden durfte, daß der alte Harpax nicht das geringſte Gewicht auf jene Fabel vom Tantalus legen und dieſelbe vielmehr als ein Ammenmärchen anſehen würde. Durch die beigefügte Deu⸗

*¹) Die Verſpottung des qualvollen Treibens der Städter aus Habſucht und anderen verwerflichen Motiven; ef. V. 78 u. 79.