Jahrgang 
1859
Einzelbild herunterladen

6

bedienen weiß; ¹⁹) indeſſen mag es vielleicht befremdend erſcheinen, daß wir nicht noch viel häufiger dieſes ſatiriſche Mittel bei unſerm Dichter gebraucht finden, da in der That Horaz von andern Satirikern und Komikern der alten, mittlern und neuern Zeit ſich weſentlich in dieſem Punkte, eben durch einen äußerſt ſparſamen Gebrauch der Wortſpiele,²⁰) unterſcheidet und, wie ich vermuthe, nicht zu ſeinem Nachtheil; denn iſt es nicht die Einfalt und Natürlichkeit der Sprache, die wir an Homer, Sophocles, Göthe bewundern, durch welche dieſe Koryphäen für alle Zeitalter als unerreichte Muſter des Ausdrucks daſtehen 2²¹) Dieſe weiſe Maßhaltung im Gebrauche prunkender Witzſpiele hebt auch Döderlein ²²) hervor, indem er treffend ſagt:Ein Grundzug von Horazens Weſen und Sprache ſcheint mir gebildete Einfachheit mit einem gründlichen Widerwillen gegen alles Affectierte und Geſchraubte. Es ſcheint mir nicht unwichtig, auf dieſen Umſtand beſonders aufmerkſam zu machen, da derſelbe für die Interpretation des Dichters in ein⸗ zelnen Fällen als Argument dienen dürfte. ²³)

c) Sat. I, 1, 51 60.

Die citierten Worte haben an Wieland einen vortrefflichen Erklärer gefunden, weshalb ich kein Be⸗ denken trage, ſeine Interpretation hier wiederzugeben.Dieſe Stelle gibt ein ſchönes Beiſpiel, das zu erläutern, was ich oben mit deräſopiſchen Manier, Sittenlehren einzukleiden, die unſerm Autor eigen und vornehmlich das iſt, was ihn in ſeinen verſificierten Discurſen zum Dichter macht, ſagen wollte. Nichts kann zugleich ſinnreicher und doch dem Anſchein nach kunſtloſer ſein, als dieſes Beiſpiel, wodurch er die Wahrheit,daß der karge Reiche im Grunde nicht mehr hat als der Arme, dem gemeinſten Men⸗ ſchenverſtande einleuchtend macht; aber es iſt mehr Kunſt in der Art, wie er es behandelt, als man beim erſten Anblick denken ſollte. Kurz, es iſt der Embryo einer ſehr ſchönen äſopiſchen Fabel, welcher nichts als der epiſche Vortrag oder die Erzählung fehlt, um von jedermann dafür erkannt zu werden. Daß dem alſo ſei, mag der Augenſchein beweiſen. Hier iſt die Fabel.

Die beiden Knaben, welche Waßer holen wollten.

Zwei Knaben, die ſich an einem warmen Tage mit Laufen und Spielen erhitzt hatten, giengen hinaus, um friſches Waßer zum Trinken zu holen. Nicht weit von ihrem Hauſe ſprudelte aus einem Felſen ein kleines Quellchen hervor; und etwa hundert Schritte weiter floß ein raſcher Waldſtrom vorbei. Der eine Knabe lief zu der kleinen Quelle und hielt ſein Becherchen unter. Pfui, ſagte der größere ſpottend, wer wollte aus einem ſo armſeligen Quellchen ſchöpfen? ich gehe an den Fluß dort; da iſt's doch eine Freude, ſeinen Becher zu füllen, wo man einen ſolchen Ueberfluß vor ſich ſieht! Der jüngere Knabe ließ ſich die alberne Rede ſeines Bruders nicht anfechten; er füllte ſeinen Becher aus der kleinen Quelle mit einem Waßer, ſo hell wie Kryſtall, und labte ſich an dem reinen friſchen Trunk. Der andere lief an den Fluß;

¹⁰) Beiſpielsweiſe führe ich an: I, 6, 45 u. 46; I, 8, 3; I, 3, 135; 1, 1, 79; I, 2, 91(Hypsaea caecior, und dazu die Bemerkung Webers); I, 1, 93(finire incipias); II, 8, 8(divitias miseras); I, 1, 70 u. 71(saccis und sacris, und dazu die Bemerkung Ritters); I, 3, 25(pervideas oculis inunctis); I, 7, 5 u. 6; I, 4, 92(Pastillos Rufillus olet, Gargonius hircum).

2⁰) welcher Ausdruck hier im weiteſten Sinne genommen wird.

²¹) Bemerkt man nicht auch, wie der brittiſche Dichterheros, je weiter er emporſchreitet zur ächten Dichterhöhe, mehr und mehr von dem raffinierten Wortgeklingel ſich zu befreien weiß, welches der verdorbene Zeitgeſchmack den früheren Productionen Shakespeares eingeflößt hatte?

²²) Vorwort zu den Epiſt. S. VIII.

²³) So weiſt Kirchner(zu I, 6, 40) gewiſs mit Recht die Anſicht Jahns, Reiſigs und Webers zurück, welche in dem

Namen Novius eine Anſpielung auf den homo novus finden wollen, indem er ſagt:eine fade Spielerei mit Worten, die Jahn liebt(wie I, 1, 95: NummidiusSilbermann), die aber dem Horaz fremd iſt.