Jahrgang 
1859
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konnte, bei ſeinen Zeitgenoßen einen Widerhall zu finden, der noch heute forttönt, und ſo lange das Beßere gegen das Schlechtere ſich zu behaupten ſtrebt, nicht verhallen wird.

Gehen wir nun zur Horaziſchen Satire ¹¹) über, um dieſelbe näher ins Auge zu faßen, zunächſt um zu ſehen, wie ſich dieſelbe manifeſtiert. Hierbei fragt es ſich vorerſt: welches ſind die Formen des ſatiriſchen Ausdruckes, deren ſich Horaz bedient? ſodann: wie läßt ſich die Horaziſche Manier im allgemeinen characteriſieren? Sind wir in unſeren Erörterungen bis zu dieſem Punct gelangt, ſo werden wir unterſuchen, in wie fern ſich Horaz von den Mängeln, in welche der Satiriker leicht verfallen kann, frei zu halten gewußt.

Um die zunächſt aufgeworfene Frage zu beantworten, greifen wir einzelne characteriſtiſche Stellen unſeres Dichters heraus, und knüpfen daran unſere Betrachtungen. So vom Einzelnen ausgehend, werden wir das Allgemeine finden, und es wird uns alsdann nicht ſchwer fallen, die vorangeſtellte Bei⸗ ſpielſammlung nach Belieben zu vervollſtändigen, und mithin hinſichtlich der verſchiedenen ſatiriſchen Darſtellungsformen bei Horaz uns zu orientieren.

a) Sat. I, 8.

Die höchſt originelle Perſonificierung des hölzernen Priapus und ſein Monolog iſt ganz als ein Schwank aufzufaßen. Der aufs komiſchſte ausſtaffierte Gott erzählt, wie er zwei übel berüchtigte Weiber, die in ſeiner Nähe durch abgeſchmackte Zaubereien einen Liebhaber zu bannen geſucht, in die Flucht gejagt. Die in dieſem Genre der Darſtellung unvermeidlichen Cynismen bewirken einen die Lach⸗ muskeln ſtark erſchütternden Contraſt mit dem albernen Hexenſpuk der zahnloſen Canidia und Sagana. Solchen Abſurditäten läßt ſich nicht wirkſamer als durch dieſe derb komiſchen Waffen begegnen. Für andere Geiſelhiebe, welche der Dichter früher gegen jene Zauberin geführt 11), war ſie unempfindlich geblieben; nun aber ſtand ſie in ihrer ganzen Erbärmlichkeit da, nachdem er ſie dem Spotte und Hohnlachen des Pöbels preisgegeben. Es bedarf nur einer geringen Nachhilfe der Phantaſie für den Leſer, um dieſe Scene in einen Saturnalienſcherz im derbſten Stil zu verwandeln. Die drolligſten Geſticulationen, das lebhafteſte Geberdenſpiel für dieſe Stufe der komiſchen Darſtellung ein weſentliches Erfordernis iſt zur Genüge vom Dichter angedeutet; und man braucht ſich nur einen morio(scurra, stupidus) als Nebenfigur hinzuzudenken, der die Worte, Geberden und Handlungen des actor Priapus nachäfft, ſo iſt der mimus die römiſche Poſſe fertig. Nur unterſcheidet ſich die Horaziſche Manier in dieſem Falle dadurch vortheilhaft von der herkömmlichen Form der Harlekinaden, daß nicht eine typiſche Figur ohne Individualität, ſondern eine originell komiſche Perſönlichkeit wie auch von dem Shakspeare'ſchen Genius nur ſolche vorgeführt werden in dem Priapus aufgeſtellt iſt.

Sat. I, 1, 15 27.

Auch dieſe Stelle trägt ganz den Charakter des Burlesken an ſich. Krieger, Kaufleute, Rechts⸗ gelehrte, Bauern, ſamt und ſonders mit ihrem Looſe unzufrieden, führen Klage bei Juppiter. Dieſer geſtattet ihnen, ihre Rollen zu tauſchen; allein ſtatt von der erhaltenen Erlaubnis Gebrauch zu machen, gaffen ſie ihn an, worauf die Gottheit mit Zorn ſchnaubendem Antlitz ſie verabſchiedet. Horaz ſpricht hier ſelbſt die Berechtigung zu dieſer poſſenhaften Form des Satiriſchen mit den Worten aus:

¹¹) Ich werde nur auf dieSatiren des Horaz in dieſer Abhandlung Bezug nehmen(von welchem Grundſatz ich nur zweimal abgewichen bin), inſofern ſich einestheils die Horaziſche Satire in dieſen Dichtungen am ausgeprägteſten darſtellt, anderntheils auch, um den Kreis meiner Unterſuchungen nicht zu weit auszudehnen. Vielleicht iſt es mir vergönnt, ſpäter dieEpiſteln undEpoden in Parallele zu ſtellen.

2un) Ich folge der Anſicht Kirchners, der in ſeiner hiſtor. Einleitung zu ſeiner Ueberſetz. der Sat. S. 12, als Abfaßungszeit der 8. Sat. des 1. Buches das Jahr 721 vermuthet, nachdem Hor. bereits im vorangegangenen Jahre in der 5. Epode jene Canidia arg mitgenommen habe.