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Guten ſich darſtellt, daß nemlich„deren Weſen und deren reiche, gerade durch ihre gemiſchte Natur ſchwierigen Formen der gründlichſten Unterſuchung werth ſeien,“ findet auf die Satire die vollſte An⸗ wendung. Daher finden wir auch faſt in jeder Poetik für dieſe Dichtart eine andere Stelle überwieſen, während über andere ausgeprägtere Formen der Poeſie und deren Einreihung und Claſſificierung nicht leicht h. z. T. noch eine weſentliche Meinungsverſchiedenheit obwalten dürfte. Fragen wir nach dem Grunde der hier hervortretenden Schwierigkeit, ſo wird er darin zu ſuchen ſein, daß bei dieſer Gattung des poetiſchen Ausdruckes die Subjectivität des Dichters eine unverhältnismäßig vorwiegende Bedeutung behauptet. Die Perſönlichkeit des Satirikers blickt in jeder ſeiner Zeilen durch, und macht ſich in um ſo höherem Grade geltend, je mehr ſeine poetiſchen Productionen den Character des Komiſchen an ſich tragen und ſich bis zum freien Humor erheben. Und dies iſt gerade das Element, in welchem die Satire ſich bewegen muß, wenn ſie den Leſer feßeln und mithin ihren Zweck erreichen will. Wie der Komiker überhaupt, entlehnt auch der Satiriker die beſte Kraft ſeiner Wirkung aus dem Carrikieren, d. h. aus dem auffallend geſteigerten Hervorkehren der characteriſtiſchen Merkmale irgend einer mit Prätenſion auftretenden Verkehrtheit. So wird durch ein heiteres Spiel des Verſtandes auf indirectem Wege die Grenzlinie zwiſchen dem Rechten und Unrechten, dem Schönen und Häßlichen, dem Wahren und Falſchen im Moment erkannt, ſo daß keine weitere directe Beweisführung nöthig iſt, die Abſurdität zu brandmarken, indem ja durch das Lachen dieſelbe ſelbſtverſtändlich als Verkehrtheit ſich erweiſt. In Folge dieſer eigenthümlichen Natur der ſatiriſchen Poeſie wird dieſelbe nur in ſolchen Zeitaltern hervortreten, die in der Auflöſung begriffen ſind, indem einzelne Erleuchtete der allgemeinen Verdorbenheit ſich gegenüberſtellen und ihr beßeres Selbſt zu retten ſuchen. Niemals waren die Verhältniſſe günſtiger, claſſiſche Erzeug⸗ niſſe auf dieſem Felde der Dichtkunſt entſtehen zu laßen, als zur Zeit des Kaiſers Auguſtus in der Weltſtadt Rom. Wenn auch der großen Maſſe der Bevölkerung, die in ſorgloſer Ruhe eingewiegt, von keiner großen, aufregenden Idee erfüllt war, eine völlige Entſittlichung ſich bemächtigt hatte, ſo übte doch auf die beßer organiſierten Geiſter die überlieferte Bildung der ganzen italiſchen und helleniſchen Vorzeit eine ſolche Macht aus, daß ſie ihre eigene Ueberlegenheit zu behaupten, und wenn ihnen die höchſte geiſtige Elaſticität, der geniale Schwung, nicht verſagt war, dies durch eine humoriſtiſche Beleuchtung ihres Zeitalters zu erreichen ſuchten»). Die Zahl der letzteren war natürlich ſehr gering— wir haben eigentlich nur den einzigen Horaz ¹⁰) zu nennen; während der Gleichgeſinnten, indes weniger glücklich begabten, eine verhältnismäßig große Anzahl ſich vorfand, ſo daß der geniale Satiriker darauf rechnen
*) Wenn Horaz ſagt(Sat. II, 1, 39— 46,, er ſatiriſiere nur gegen diejenigen, welche ihm perſönlich zu nahe träten, ſo iſt eben dieſer defenſive Charakter dieſer Schreibart damit bezeichnet. Da der Satiriker um ſo leichter„zu beleidigen“ iſt (ef. Sat. I, 4, 24— 33), einen je höheren Standpuukt(in ſittlicher und äſthetiſcher Hinſicht) er einnimmt, ſo iſt leicht begreiflich, daß er Aergernis findet, wo der practiſche Weltbürger, oder der Alltagsmenſch nichts Anſtößiges, wenigſtens keinen Grund zu einer perſönlichen Beleidigung wahrnehmen kann. So erſcheint alſo die„Defenſive“ des Satirikers in vielen Fällen als ein aggreſſives Verfahren. Und hiernach dürfte die citierte Stelle zu interpretieren ſein, und es wird wohl ſich als überflüßig erweiſen, ausmitteln zu wollen, was ein Cervius, ein Turius, ein Milonius u. ſ. w. unſerm Dichter zu Leid gethan haben.
¹⁰) Wenn ſich Horaz in der 4. Sat. des 1. Buchs nur einen Erneuerer und Verbeßerer der Luciliſchen Satire nennt, deren Mängel er rügt, ſo hat er in beſcheidener Weiſe nur den äußeren Vorzug, worin er alle ſeine Vorgänger übertrifft, bemerklich gemacht, nemlich die Formvollendung, die weſentliche Differenz jedoch zwiſchen ihm ſelbſt und jenen früheren Satirikern keineswegs hervorgehoben, und ich glaube behaupten zu dürfen— ohne dies aus bereits angegebener Urſache hier näher begründen zu wollen—, daß ungeachtet des unverkennbaren natürlichen Zuſammenhangs der Horaziſchen Satire mit den vorangehenden ſatiriſchen Productionen ein ſo enormer innerer Unterſchied zwiſchen jener und dieſen beſteht, daß man geradezu Horaz als eine iſolierte Erſcheinung bezeichnen kann, als den in ſeiner Art unerreichten Meiſter.
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