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daß ſeine Satiren bald der eindringlichen Kraft ermangelten, bald an übergroßer Bitterkeit litten ⁴) u. dgl. m., ſo vollſtändig er ſich auch dagegen gerechtfertigt, werden zum Theil immer wieder gegen ihn geltend gemacht, und gerade die Erklärer ſeiner Schriften, die alten Scholiaſten ⁵) nicht ausgeſchloßen, haben die Summe der Beſchuldigungen noch gehäuft; in welchem Sinne Wieland ⁵⁶) richtig bemerkt: „Ein Mann mit einem ſo edeln Herzen wird von den Commentatoren ſeiner Schriften und auf ihren Credit hin beinahe von der ganzen gelehrten Welt der niedrigſten und ſchlechteſten Geſinnungen für fähig gehalten. So gefährlich iſt es für einen Schriftſteller, mehr Geiſt und Witz zu haben, als ſeine Scho⸗ liaſten und Ausleger.“ In unſerer Zeit wird er von anderen Seiten her einestheils wegen ſeines „illiberalen Herabſehens auf die Maſſe des Volkes“ in ähnlicher Weiſe beſchuldigt, wie man auch einen Göthe für einen Reactionär und Ariſtokraten verſchrieen hat, anderntheils wird er ein raffinierter Schlemmer, ein frivoler Ironiker, ein in bodenloſe Unſittlichkeit verſunkenes Weltkind genannt. Auch den poetiſchen Gehalt ſeiner Sermonen haben neuere Kunſtrichter in Zweifel gezogen. Daß hiernach eine Apologie dieſes Satirikers hinſichtlich ſeines Charakters und Dichterwerthes auch jetzt noch als wohl gerechtfertigt erſcheine, wird auch von dem neueſten Erklärer unſeres Dichters, Döderlein, anerkannt, welcher in ſeinen Erläuterungen zu den Epiſteln ſagt 7):„Es war mir immer eine beſondere Freude, den Dichter gegen vermeintliche Fehler geiſtiger oder ſittlicher Natur in Schutz zu nehmen. Seit Fr. Jacobs zu dieſem verdienſtlichen Werke nach Leſſings Rettungen des Horaz wieder das Signal gegeben, iſt viel hierin geſchehen, einiges hoffe ich gleichfalls beigebracht zu haben, und manches wird noch für die künftigen Erklärer zu thun übrig bleiben, falls ſie mit Liebe und einem günſtigen Vorurtheil für die Perſon des Dichters ans Werk gehen.“ Nun bin ich übrigens weit davon entfernt zu glauben, daß durch die nachfolgenden Erörterungen eine maßgebende Anſicht ſich begründen ließe, da ja ſolche Dinge immer auf ſubjectiven Anſchauungen beruhen; allein es wird wohl unbenommen bleiben und billige Be⸗ urtheilung finden, eine redlich gewonnene Ueberzeugung auszuſprechen.
Wer über das Weſen der Horaziſchen Satire ſchreiben will, muß natürlich Rückblicke auf die voraus⸗ gehenden Erſcheinungen in dieſem Gebiete der Litteratur thun und ebenſo die ſpäteren Satiriker in ver⸗ gleichende Beziehung bringen. Auf beides läßt ſich hier bei der vorgezeichneten Beſchränkung des Umfangs dieſer Abhandlung nicht wohl eingehen, wenn der Hauptgegenſtand nur einigermaßen erſchöpfend behandelt werden ſoll. Aus demſelben Grunde muß ich es auch unterlaßen, einen Blick auf die Litteratur der hierher gehörigen Schriften zu werfen. Einige einleitende Bemerkungen jedoch über das Weſen der Satire im allgemeinen und der römiſchen insbeſondere dürften hier an ihrer Stelle ſein; wobei von vorn herein darauf aufmerkſam gemacht wird, daß wir zum Schluße dieſer Abhandlung wieder auf dieſelbe Materie zurückkommen werden, um nach den gewonnenen Geſichtspuncten eine klare Anſicht über das Verhältnis der ſatiriſchen Dichtart zur Poeſie überhaupt ſowohl, als auch über die Bedeutung der Hora⸗ ziſchen Satire als einer der vorzüglichſten Reliquien des claſſiſchen Alterthums zu gewinnen, und hier⸗ nach die humaniſierende Kraft Horaziſcher Studien würdigen zu können.
Was einer der namhafteſten Aeſthetiker ³) unſerer Zeit von allen den Gattungen der Dichtkunſt ſagt, die ſich an die Proſa anlehnen, inſofern in denſelben eine Miſchung des Schönen mit dem Wahren und
⁴) Sat. II, 1, 1—3.
³) Man leſe z. B. das Scholion(Porphyr.) zu Sat. I, 3, 82 a. v.„Labeone insanior«, wo die Anſicht, daß Horaz ein devoter Schmeichler Auguſts geweſen, mit der größten Naivetät vorgetragen wird.
⁴) Ad Sat. I, 4, 105.
*) S. 65.
³) Viſcher.


