Jahrgang 
1859
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Ueber das Weſen der Horqziſchen Satire.

Ridiculum acri Fortius et melius magnas plerumque secat res.

Es dürfte vielleicht manchem, dem dieſe Blätter zu Geſicht kommen, auffallend erſcheinen, einen Gegenſtand aufs neue behandelt zu ſehen, der ſchon ſo vielfach erwogen, und in ſchriftlicher wie münd⸗ licher Ueberlieferung zur Darſtellung gebracht worden iſt. Wer aber die Zeichen der Zeit wahrgenommen, in welcher die Studien des claſſiſchen Alterthums nicht unbedeutenden Erſchütterungen ausgeſetzt ſind, indem auf der einen Seite die Jünger desneuen Evangeliums in titaniſcher Selbſtvergötterung den alten Plunder der Humanioren über Bord werfen, und auch im Reiche des Sittlichen und Schönen eine neue Ordnung aufrichten möchten, auf der anderen Seite gewiſſe Zeloten mit Geringſchätzung, wo nicht mit Haß und Verfolgungsſucht, dem römiſchen und griechiſchenHeidenthum begegnen; wer dieſe extremen Zeitrichtungen misbilligt, wird es auch gerechtfertigt finden, wenn man es immer wieder unternimmt, auf den hohen Werth hinzuweiſen, den jene Schätze der helleniſchen und italiſchen Kunſt, Litteratur und Lebensweisheit auch für unſere Zeit noch haben, und für jedes kommende Zeitalter haben müßen, eben weil jede reinmenſchliche Empfindung in jener claſſiſchen Vorzeit ihr Echo findet, weil darin keine ein⸗ zelne Richtung des Seelenlebens abſichtlich in den Vordergrund geſtellt iſt, weil jede Aeußerung als un⸗ verkümmerte Naturwahrheit entgegentritt. Man betrachte alſo dieſe Zeilen als das Scherflein eines Schulmannes zur Förderung der Humanitätsſtudien. Wenn ich nun in dieſem Sinn den Werth der Horaziſchen Satire hier zu entwickeln verſuche, ſo veranlaßt mich dazu einestheils die eigne Neigung, indem die Muſe des Flaccus mich von je her vorzugsweiſe gefeßelt und mit Bewunderung erfüllt hat, anderntheils die Wahrnehmung, daß die Würdigung dieſes Dichters in moraliſcher und äſthetiſcher Hin⸗ ſicht noch keineswegs als feſtſtehend betrachtet werden kann. Denn die Vorwürfe, welche Horaz von ſeinen Zeitgenoßen hören mußte, daß er ſelbſt ſeine beſten Freunde nicht verſchone, wenn er durch witzi⸗ gen Spott nur ſeine Eitelkeit befriedigen und Bewunderung ſeines Geiſtes erwecken könne ¹), daß er ein zudringlicher Schmarotzer des Mäcenas ſei ²), und in geſpreizter Vornehmthuerei ihn nachzuäffen ſtrebe ³),

¹) Sat. I, 3; beſ. Sat. I, 4, 34 38. ²) Sat. I, 6; beſ. V. 45 64. 3) Sat. II, 3, 308 326.