Jahrgang 
1850
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unüberlegtes Schwatzen über die göttlichen Dinge und Sucht nach Neuerungen in denselben versündige, sogar dein Schüler geworden bin. Und wenn du nun wirklich, o Meletos, würde ich sagen, eingestehst, dafs Euthyphron weise in dergleichen Dingen ist, und die richtige Ansicht(darüber) hat, so glaube es auch von mir und verklage mich nicht. Ist dieses aber nicht der Fall, so ziehe jenen meinen Lehrer eher als mich vor Gericht, weil er die alten Leute verdirbt, mich sowohl als deinen Vater; mich durch seine Lehre, jenen durch Rüge und Strafe. Im Falle er mir indessen nicht Folge leisten, noch mich von der Klage loslassen, oder statt meiner dich anklagen sollte, so würde ich dieselbe Erklärung vor Gericht abgeben, wodurch ich eine Aufforderung an ihn er- gehen liefs.

Euth. Ja bei Zeus, o Soktates, wenn er sich etwa unterstehen sollte, mich anzuklagen, so wollte ich, wie ich glaube, den faulen Fleck an ihm schon ausfindig machen, und es sollte uns noch weit eher von ihm vor Gericht die Rede sein, als von mir.

Sokr. Auch ich, o geliebter Freund, der ich dieses einsehe, möchte gern dein Schüler werden, da ich ja weiſs, daſs wie so mancher Andere, auch dieser Meletos dich gar nicht zu beobachten scheint, mich aber hat er so recht eigent- lich scharfsichtig und leicht durchschaut, dafs er mich der Gottlosigkeit anklagt. Nun sage mir also doch bei Zeus, was du eben erst so genau zu wissen die feste Versicherung gabst. Worin besteht nach deiner Behauptung das Gottes- fürchtige und Gottlose, sowohl in Bezug auf Todtschlag, als auf alle übrigen Dinge? Oder ist nicht in jeder Handlung das Fromme sich selber gleich, und ist nicht das Ruchlose wiederum dem Frommen überhaupt entgegengesetzt, sich selber jedoch ganz gleich, so dafs Alles, was nun einmal ruchlos sein soll, in Bezug auf Ruchlosigkeit gewissermaſsen eine Gestalt hat.

Euth. Jedenfalls gewiſs, o Sokrates.

6. Sokr. So sage denn, was nach deiner Angabe das Fromme ist, und was das Ruchlose?

Euth. Ich behaupte also, dafs das Fromme das ist,