Jahrgang 
1850
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3. Sokr. O lieber Euthyphron, aber ausgelacht zu werden hat am Ende gar nicht viel zu sagen. Die Athenäer kümmern sich nämlich, wie es mir vorkommt, gar nicht viel darum, wenn sie einen für einen tüchtigen Lehrer halten, vorausgesetzt, daſs er nur seine Weisheit nicht predigt. Wenn sie hingegen von einem glauben, dafs er auch Andere zu solchen mache, so werden sie aufgebracht, sei es nun aus Gehässigkeit, wie du behauptest, oder aus sonst einem andern Grunde.

Euth. Wie sie nun in dieser Beziehung gegen mich gesinnt sind, darüber verlange ich gar nicht besonders mich zu vergewissern.

Sokr. Vermuthlich sind sie der Ansicht, dafs du dich nur selten dazu hergiebst, und deine Weisheit nicht lehren magst. Von mir aber fürchte ich, sie mögen wohl denken, das ich aus Menschenliebe verschwenderisch Jedermann, was jch nur weiſs, mittheile, und zwar nicht blos ohne alle Ver- gütung, sondern von Herzen gern sogar noch etwas drein- gebe, wenn mich Jemand nur hören mag. Wenn sie mich also, wie ich eben erst sagte, nur auslachen wollten, wie sie es dir nach deiner Aussage machen, so wäre das gar nichts Unerfreuliches, die Zeit unter Scherzen und Lachen im Ge- richtssaal hinzubringen; wenn sie hingegen Ernst machen wollen, so weiſs Niemand was die Sache für eine Wendung nehmen wird, aufser nur ihr Wahrsager.

Euth. Die Sache wird indessen wahrscheinlich gar nicht viel zu bedeuten haben, o Sokrates, sondern du wirst deine Rechtssache nach Wunsch(18) durchfechten, und ich, denke ich, auch die meinige.

4. Sokr. Was hast du denn aber eigentlich für eine Rechtssache, o Euthyphron? Wirst du(gerichtlich) verfolgt, oder verfolgst du(einen Andern)?

Euth. Ich verfolge.

Sokr. Wen denn?

Euth. Einen, wegen dessen Verfolgung ich ebenfalls für einen Wahnsinnigen gelten werde.

Sokr. Wie so? Verfolgst du denn einen, der fliegen kann?