Jahrgang 
1850
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so groſser Zuversicht in die rettenden Arme des Euthyphron geworfen hatte, sieht sich nun am Ende jämmerlich getäuscht. Er spricht daher wiederholt den Wunsch aus, die ganze Sache noch einmal von vorn zu besprechen, und bittet den Euthyphron, ihn doch nicht so verächtlich zu behandeln, sondern seine ganze Weisheit aufzubieten, und die Wahrheit zu sagen. Euthyphron müsse das können, sonst hätte er sich gewiſs nicht unterstanden, um eines geringen Taglöhners willen einen hochbejahrten Mann, seinen eignen Vater, vor Gericht zu stellen; und er werde daher auch nicht so ohne Weiteres davon kommen. Aber, was thut nun Euthyphron? Er, der seine Weisheit in so pomphaften Ausdrücken angepriesen, sich für einen tiefen Kenner des Religiösen und erfahrenen Rechtskundigen ausgegeben, dem bescheidenen, Wahrheit suchenden Sokrates Belehrung, und dem ver- wegenen Meletos erforderlichen Falls die gebührende Züchtigung zugedacht hatte, ist seines philosophischen Zirkelganges müde, und ergreift als letztes Mittel förmlich die Flucht.Ein andermal, ruft er aus, jetzt mufs ich fort; und es ist hohe Zeit, daſs ich gehe.« Dem nun vollkommen ent- täuschten Sokrates bleibt nichts weiter übrig, als dem gelehrten Flüchtling nachzusehen. Mit ironischer Verzweiflung ruft er ihm noch zu: aber, was machst du denn mein Freund? Von einer glänzenden Hoffnung(wie von einem Fahrzeuge, auf dem ich mich noch zu retten gedacht hatte,) hast du mich förmlich herabgeworfen, und eilst nun davon. Von dir hatte ich mir Belehrung über das Fromme, von dir Rettung gegen die Anklage des Me- letos versprochen; von dir hoffte ich zu lernen, wie ich die mir noch zuge- messenen Lebenstage auf eine würdige Weise beschlieſlsen könne. Mit diesen Worten des Sokrates endigt das Gespräch. p. 13 bis 16.(oder Cap. XV. init. bis Cap. XX. fin.)

Euthyphron. Sokrates.

1. Euth. Was ist denn da auf einmal vorgefallen(1), 0 Sokrates, dafs du deinen(gewöhnlichen) Aufenthalt im Lykeion(2) verlassen hast, und dich nun hier aufhältst bei

Ganz dieselben Grundsätze, welche mich bei der Ausarbeitung des ersten Bandes meiner Uebersetzung'von Platons Werken(Gieſsen J. Ricker'sche Buchhandlung 1848) geleitet haben, und welche dort in der Vorrede aus- führlich auseinandergesetzt worden, sind auch bei der vorliegenden anspruchs- losen Arbeit streng befolgt und beibehalten. Was die beigegebenen Anmer- kungen betrifft, so dienen dieselben Theils zur Rechtfertigung der Uebersetzung, Theils bestehen sie vorzugsweise aus Sacherläuterungen. Da ich nämlich auf Leser aus allen gebildeten Classen Rücksicht nehmen zu müssen glaubte, so habe ich vorzugsweise das Sachliche im Auge gehabt. Namentlich habe ich solche Gegenstände ausführlich erörtert, deren Behandlung in der Regel nur in gröſseren, Vielen unzugänglichen Werken vorkommt. Dahin gehört