Jahrgang 
1850
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Daraus zieht nun Sokrates die Folgerung, daſs das Fromme und das Gottgeliebte nicht ein und dasselbe, sondern sehr wesentlich von ein- ander verschieden seien. Würen sie nämlich gleich, so müfste das Ge- liebtwerden der Grund des Frommen sein. Alle dem bisher von Euthyphron Vorgetragenen zufolge scheine derselbe indessen nicht das eigentliche Wesen (riv 0uGiaν) des Frommen bestimmen, sondern nur eine Eigenschaft, ein zufälliges Merkmal, ein Erleiden, Dulden desselben(râνοοσ) angeben zu wollen. Damit ist aber dem Sokrates nicht gedient. Er fordert daher den Euthyphron wiederholt und dringend auf, er möge endlich angeben, was denn das Fromme eigentlich sei, und lieber noch einmal von vorn beginnen. p. 7 bis 11. B.(oder Cap. VII fin. bis Cap. XIII. init.)

Durch diese Zumuthung des Sokrates befindet sich nun Euthyphron in keiner geringen Verlegenheit. Er weiſs nicht, was er denken und sagen soll. Alles was er bisher aufgestellt hat, weicht und wankt, und will nicht da stehen bleiben, wo er es hingestellt hat, sondern wandert immer umher. Dieses giebt dem Sokrates Veranlassung, die Resultate von Euthyphrons Nachdenken scherzhaft mit den laufenden Bildsäulen des Daidalos zu ver- gleichen. Statt nun aber den Grund in sich selber und in seinen fehlerhaften Argumentationen zu suchen, bricht Euthyphron in bittere Klagen gegen Sokrates aus. Dieser allein sei wie ein zweiter Daidalos lediglich Schuld daran, dafs alle seine bisher aufgestellten Sätze herumgehen und nicht an demselben Orte bleiben wollen. Käme es auf ihn, den Meletos selber, an, so würden sie gewiſs bleiben. Diese Beschuldigung weist aber Sokrates mit der Bemerkung von sich, daſs es ihm um nichts weniger, als um so- phistische Künsteleien zu thun sei. Feststehende Wahrheiten, Reden, die zugleich als Grundsätze gelten könnten,(6⁷⁴), seien ihm lieber, als wenn er neben der Kunst des Daidalos auch noch die Schätze des Tantalos besäſse. Sokrates meint nun, wie er sich ironisch ausdrückt, Euthyphron sei wie die schwelgerischen Geldmänner vor lauter Reichthum an Weisheit erschlafft. Er bittet ihn daher, auszuhalten und nicht vor der Zeit müde zu werden; daher will er ihm auch alle mögliche Hülfe angedeihen lassen, und ihn über das Wesen des Frommen zu belehren suchen. Er richtet sich daher zunächst mit der Frage an ihn: ob ihm nicht alles das, was fromm ist, nothwendigerweise auch gerecht zu sein scheine? Euthyphron bejaht diese Frage. Sogleich aber ist Sokrates mit der weiteren Frage bei der Hand: ob auch alles Gerechte fromm, oder nur ein Theil des Gerechten fromm, ein anderer aber etwas Anderes sei? Da Euthyphron diese Frage nicht versteht, so zeigt ihm Sokrates durch ein Beispiel, daſs das Fromme ein Theil des Gerechten, folglich fromm der engere, gerecht aber der weitere oder der Geschlechtsbegriff sei. Euthyphron soll nun ferner angeben, was für ein Theil von dem Gerechten das Gottesfürchtige und das Fromme sei, und erklürt sich dahin: es sei derjenige Theil, welcher die Behandlung der Götter, die praktischen Beziehungen zu den Göttern(rıν τ ϑκιν egdzeiaν) zum Gegenstand habe. p. 11. B bis 12.(oder Cap. XIII init. bis Cap. XIV. fin.) Mit dieser Erklärung ist Sokrates im Allgemeinen einverstanden, nur ist ihm noch nicht klar, was Euthyphron unter der Behandlung der Götter verstehe, namentlich was er eigentlich mit dem