Jahrgang 
1850
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Sokrates durchaus nicht. Er macht daher ausdrücklich darauf aufmerksam, daſs er nicht etwa nach einem oder zwei Fällen von dem vielen Frommen, (E r* 5 duο σν½ mꝓτπαν ÿ§ι⁶α) d. h. nach einzelnen frommen Handlungen gefragt habe, sondern nach dem Begriff selbst(aur 0 eldog), durch wel- chen alles Fromme eben fromm ist, und dringt auf eine förmliche Begriffs- bestimmung. Euthyphron kann nun nicht länger ausweichen, und giebt folgende Erklärung: das, was den Göttern lieb, ist fromm, was ihnen aber nicht lieb, ist ruchlos.(2 ⁊ν τ⁶ εν τσm⁵εαο* e.09¹15 d6009, 70 d8 1 7908p¹248 4.16610*) P. 5. C bis 6. E.(oder Cap. V. med. bis Cap. VI. fin.) Euthyphron hat nun auf den Wunsch des Sokrates geantwortet, ob aber richtig, das ist noch immer sehr zweifelhaft. Dieses beweist Sokrates sogleich dadurch, daſs er anführt, daſs nach Euthyphrons eigner Aussage selbst unter den Göttern nicht nur verschiedene Ansichten über gewisse Dinge obwalten, sondern daſs sogar Uneinigkeiten, Kriege und Feindschaften unter ihnen vorkommen. Offenbar halten also Einige Götter das für gerecht, was Andere für ungerecht halten, sonst könnte ja unmöglich Uneinigkeit unter ihnen Statt finden. Daraus gehe aber unläugbar hervor, daſs die Götter in ihrer Gesammtheit oft dasselbe lieben und hassen; dals also gottver- hafst und gottgeliebt, fromm und ruchlos oft dasselbe sein könne. Als Beispiel könne Euthyphrons eigne Handlungsweise angeführt werden; dem Zeus und Hephaistos werde sie gefallen, dem Kronos und Uranos und der Here aber miſsfallen. Alle diese gegründeten Einwendungen vermag Eu- thyphron nicht zu widerlegen, sondern springt auf einmal auf etwas Ver- wandtes, eigentlich aber gar nicht näher zur Sache Gehörendes über, indem er geltend zu machen sucht: darüber werde aber doch kein Gott uneins mit einem andern sein, daſs derjenige Strafe zu leiden habe, der Jemanden ungerechterweise tödte. Nun aber soll Euthyphron dem Sokrates beweisen, daſs alle Götter die That seines Vaters für ungerecht, seine eigne Klage aber für rechtmäſsig halten. Euthyphron erwiedert darauf, das sei allerdings keine Kleinigkeit, doch getraue er den Beweis zu führen. Bei dieser Ver- sicherung hat es übrigens sein Bewenden, und Euthyphron bleibt den Beweis schuldig. Angenommen aber auch, Euthyphron könne wirklich be- weisen, daſs die sämmtlichen Götter bei diesem Falle in ihren Ansichten übereinstimmten, so ist doch Sokrates noch keineswegs befriedigt. Er weiſs ja noch immer nicht, was fromm und was ruchlos ist, d. h. er hat noch immer keinen Begriff davon. Um dem Euthyphron die Sache an- scheinend zu erleichtern, schlägt ihm Sokrates eine Berichtigung der zuletzt gegebenen Erklürung vor, welche dahin geht: Fromm ist, was alle Götter lieben, und das Gegentheil davon ist ruchlos.(dg 6 y dvν e es ol 902 119Ge, aν⁹σν 86Ti, 6& Ar116 G, 6G¹0vy.) Euthyphron läſst den Vor- schlag gelten. Aber auch diese Erklärung ergiebt sich als ungenügend und unhaltbar, denn das Lieben von Seiten der Götter giebt ja nicht das Wesen des Frommen an, sondern nur eine gleichgültige Beziehung, ein ganz zu- fülliges Merkmal. Das Fromme ist nämlich nicht deshalb fromm, weil es von den Göttern geliebt wird, sondern eben darum, weil es fromm ist, wird es geliebt, d. h. mit andern Worten: das Fromme ist der Grund der Liebe der Götter, aber nicht das Geliebtwerden der Grund des Frommen.

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