Jahrgang 
1917
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Am 1. März trat Herr Pfarrer Vogel seinen Dienst wieder an, hielt jedoch in anbetracht dessen, dass er noch Schonung in gesundheitlicher Beziehung bedurfte, statt 6 Stunden deren nur 4.

Auch der eingeschränkte Bahnverkehr brachte uns man- cherlei Störung, wir konnten beispielsweise vom ersten März ab den Unterricht nicht wie in früheren jahren um 8¹½ son- dern erst 8**% Uhr beginnen.

Da in Gernsheim Kohlenmangel nicht eintrat, konnte hier der Unterricht im Monat Januar und Februar regel- mässig gehalten und somit manche Lücke im Wissen der Schüler wieder ausgefüllt werden, die infolge des Mangels an Lehrkräften vielleicht am Anfang des Schuljahres ent- standen war.

Gelegentlich der Eroberung von Bukarest fiel der Unter- richt für einen Tag aus.

Auch in diesem Jahre hatten die Mädchen Gelegenheit, sich im Handarbeitsunterricht auszubilden. Frl. Bundschuh erteilte wöchentlich 2 Stunden an 24 Schülerinnen.

Der Statistik über Examina wäre noch nachzutragen, dass am 16. März der Garnisonsverwaltungsinspektor Stellver- treter Ludwig Schneider, ehe er wieder ins Feld rückte, an unserer Schule die Prüfung für Einjährig-Freiwillige ab- schloss.

Von Ereignissen, die für das Lehrerkollegium Bedeutung hatten, sei noch erwähnt, die Ernennung des Herrn Lehr- amtsreferendaren Leib zum Lehramtsassessor, die Verleihung des hessischen Kriegsehrenzeichens an Herrn Reallehrer Kayser und die Ernennung des Herrn Lehramtsassessors Gundermann zum Oberlehrer an der Goetheschule zu Neu- Vsenburg. Die Schule verliert ungern den warmherzigen Freund der Jugend.

Dreimal beehrte Herr Geh. Oberschulrat Block die An- stalt mit seinem Besuche, das letztemal gelegentlich der Abgangsprüfung am 16. Februar 1917.

In Anbetracht der Kürzung und des Ausfalles zahlreicher Lehrstunden fanden in diesem Jahre nur wenige Ausflüge statt. Der Tagesausflug am 26. Mai hatte als Ziel

für Sexta: Jägersburg,

Quinta: das Fürstenlager,

Quarta: die Starkenburg,

Untertertia: Auerbach,

Obertertia: Heidelberg und Neckargemünd, Untersekunda: Heidelberg, Sternwarte, Obersecunda: den Katzenbuckel.

Zweimal machten wir im Spätherbste kleinere Gänge zum Sammeln von Bucheckern. Damit aber sind wir eigentlich schon zur Tätigkeit unserer Schule inbezug auf die eigenartigen Verhältnisse des Weltkriegs gekommen. Da wäre zunächst noch zu erwähnen, dass unsere Schüler sich recht lebhaft an den Zeichnungen bei den beiden letzten Kriegsanleihen beteiligten. Bei der 4. Kriegsanleihe wurden 3997 M. und bei der 5. 1860 M. gezeichnet.

Die Sammlung für Kriegerheimstätten brachte 65 M. von seiten der Schüler ein. Um alle diese Sammlungen machte sich Herr Prof. Dörr besonders verdient, während die Sammlung Vaterlandsdank von Frl. Bundschuh in vor- züglicher Weise geleitet wurde. Auch an der Kernsamm- lung und Briefmarkensammlung beteiligten sich unsere Schüler recht lebhaft.

So recht im Zeichen des Weltkriegs standen auch unsere beiden Schulfeiern an Grossherzogs und Kaisers Geburts- tag. Entsprechend altem Herkommen ward die erste Feier öffentlich begangen. Neu war, dass man sich diesesmal an die Aufführung eines vaterländischen Festspieles wagte,

das besonders für diesen Zweck gedichtet ward. Die Auf- führung fand auf einer geschmackvoll mit Tannen gezierten Bühne statt. Der Rheinische Bote schrieb über die Feier wie folgt:

Dem Ernste der Zeit war die ganze Feier angepasst. Dies kam schon in ihrem Auftakt, dem Chorlied: Gebet a. d. Op.Joseph in Aegypten von Méhul, gesungen von frischen zarten Kinderstimmen, zum Ausdruck.Segne das Land, das uns erzeugt. Bist du mit uns, wer kann uns schaden, das war wohl das Thema des Abends. In fein- sinniger Weise wendete sich der neue Direktor in seiner Rede dieses Mal ausschliesslich an seine Kinder mit Wor- ten, die von väüterlicher Liebe getragen waren. Er führte ihnen Bilder vor Augen, die er selbst in blutiger Schlacht, im engen Unterstand und bei ergreifendem Feldgottesdienst geschaut bei unseren hessischen Landwehrregimentern 116 und 118, die Blut und Leben eingesetzt für die höchsten Güter unseres Volkes in treuer Pflichterfüllung. Sie sind zum leuchtenden Beispiel geworden für unsere Jugend, die als Heimatsheer nur auf dem Wege der Arbeit, der Wahr- heit, der Keuschheit und des Gebetes die Zukunftshoffnung unseres Vaterlandes erfüllen kann. Nur auf eine solche Ju- gend kann unser Landesfürst, dem sein Hoch am Schlusse galt, stolz sein. Die Herren Lehrer Baum, Gross-Rohrheim, Becker, Stockstadt und Moosbrucker, Gross-Rohrheim, drei Künstler, hatten ihr prächtiges Können in den Dienst der Feier gestellt. Exakte, zarte Bogenführung, gefl. Anschlag und diskrete Begleitung vereinigten sich zu einer harmo- nischen Gesamtwirkung, der sich Niemand entziehen konnte. Schade, dass man diese Künstler nicht öfters zu hören be- kommt. Des heissesten Dankes dürfen sie versichert sein. Den Höhepunkt der Feier aber bildete das vaterländische Spiel: Heldensöhne. Ein alter rheinischer Fischer sitzt mit Schwiegertochter und Enkelkind abends bei fleissiger Arbeit. Diese entgleitet ihren müden Händen, sie schlummern ein und träumen von den 3 Heldensöhnen, die draussen in Feindesland sind und von denen sie schon eine Weile nichts gehört haben. Eine Rheintochter belauscht ihre Träume und lässt sie dann durch eine Beschwörung das Schicksal derselben schauen: ein Heldengrab, ein Lazarettbild und die Verleihung des eisernen Kreuzes. Die Darsteller erledigten sich ihrer Aufgabe mit viel Geschick. Der Verfasser des prachtvollen, tief zu Plerzen gehenden, tröstenden und er- hebenden Spieles hat sich nicht genannt. Möge ihm so manche Träne, die er in den Augen der tief ergriffenen Zuschauer erglänzen sah und die weihevolle Stimmung, die aller Herzen ergriffen hatte, der schönste Lohn sein. Solche Augenblicke vergisst man nicht; es sind Goldkörner für die Seelen.

Dem Wunsche, die Vorführung auch weiteren Kreisen zugänglich zu machen, wurde durch eine Wiederholung an einem Sonntag-Nachmittag entsprochen. Der Turn- und Fest- saal unserer Anstalt war dabei bis zum letzten Platze gefüllt. Besonders erfreulich war der pekuniäre Erfolg der beiden Aufführungen; 338 M. waren eingegangen und konnten, da die Auslagen gering waren, fast ganz zu Weihnachtsgaben für die Feldgrauen an der Front verwandt werden.

Nicht geringe Mühe kostete es, in der jetzigen Zeit die Ankäufe für die Weihnachtspakete zu vollziehen. Doch es gelang, zumal wir auch noch Unterstützung durch freiwil- lige Spenden fanden, ganz hübsche und praktische Sachen zusammenzubringen, so dass die vor Absendung der Liebes- pakete veranstaltete kleine Ausstellung allgemeine Bewunde- rung fand.

Rührend und erhebend zugleich waren die zahlreichen