Jahrgang 
1909
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An der Beisetzung des Verstorbenen in Darmstadt am 3. November beteiligten sich mit einer Anzahl ange- sehener Bürger von hier das gesamte Lehrerkollegium unserer Schule und eine Schülerdeputation. Der Unterzeich- nete widmete seinem Freund und Vorgänger am GOrabe folgenden Nachruf:

3Im Namen des Lehrerkollegiums der Realschule zu Gernsheim lege ich am Grabe des Verstorbenen diesen Kranz nieder als ein äusseres Zeichen innerer Verehrung und Dankbarkeit.

Vom 15. November 1800 bis 1. Januar 1907 wirkte der Verblichene als Direktor an der Gernsheimer Realschule, seinen Lehrern ein treuer Freund und Berater, seinen Schülern ein wohlwollender Lehrer und Erzieher, allen ein leuch- tendes Vorbild peinlichster Gewissenhaftigkeit und fast ängstlichen Pflichtgefühles.

Sein amtliches Wirken trug durchaus das Gepräge seiner Persönlichkeit.

Der Grundzug seiner Persönlichkeit aber war Teilnahme und Liebe. Teilnahme und Liebe heischte und bedurfte er für sich, Teilnahme und Liebe strömte er aber auch aus für andere; und sie gewann ihm die Herzen. Die Anhäng- lichkeit seiner Schüler an ihn zeigte sich mir oft ganz spontan und unerwartet, die seiner vielen Freunde bewährte sich in seinem Leiden.

Der Verstorbene war ein anerkannt tüchtiger Schulmann und Philologe, letzteres bekunden seine wissenschaft- lichen Veröffentlichungen; Philologe auch in dem ursprünglichen Sinne des Wortes: er liebte geistigen Verkehr, er ver- langte nach mündlichem und schriftlichem Gedankenaustausch, geistige Anregungen zu geben und zu empfangen war ihm geradezu Bedürfnis. Solcher Gedankenaustausch erhöhte ihm das Leben und erleichterte ihm das Leiden.

Und es war ja ein langes Leiden, dieses Ringen des wunderbar regen, immer tätigen Geistes mit dem schwachen, hinfälligen Körper. Dies Ringen war ihm die Ursache mancher seelischen Beunruhigungen, die Quelle aber auch jener Philosophischen Durchdringung und Durchgeistigung, die jeder, der dem Verstorbenen nahe kam, an ihm zu bewun- dern Gelegenheit fand. Nun ist er heimgegangen; uns die Trauer hinterlassend, uns aber auch den Trost in der Er- innerung an dieses lautere Leben!

Sie wird nicht erlöschen diese Erinnerung, sie wird weiter leben und uns leiten.

Im Schimmer des Allerheiligen- und Allerseelentages ist er verschieden. Im Ernst dieser Tage spricht sich wohl noch weihevoller als gewöhnlich und tiefer empfunden als sonst jener Wunsch, womit wir unsere loten betten: er ruhe in Frieden! la, lieber Freund und Kollege, diesen letzten Scheidegruss rufen wir auch dir zu: Ruhe in Frieden, und das Licht, wonach du immer verlangt und geforscht, das ewige, leuchte dir! 3

Am 3. Februar haben Se. Kgl. Hoheit Allergnädigst geruht, unsern Schuldiener Wilhelm Parr zum Pedellen an er Realschule zu Gernsheim zu ernennen.

Wilhelm Parr wurde am 9. März 1883 in Inheiden geboren, besuchte die Volksschule daselbst, war vom 1. Oktober 1897 bis 1. Oktober 1902 zuerst als Stallbursche, dann als Kutscher in Diensten Sr. Erlaucht des Grafen von Solms-Laubach; vom 3. Oktober 1902 bis 19. Oktober 1904 diente er im Dragonerregiment No. 23 in Darm- stadt, trat am 20. Oktober 1904 zur Kaiserlichen Schutztruppe für Südwest-Afrika über und gehörte ihr bis zum 30. September 1906 an; während dieser Zeit machte er den Feldzug gegen die Hottentotten mit. Eines Herzleidens wegen musste er den Abschied nehmen. Am 12. Februar 1908 übernahm er die provisorische Verwaltung der Schuldiener- stelle an der Realschule zu Gernsheim. Er ist Inhaber folgender Auszeichnungen: des Militär-Ehrenzeichens 2. Klasse, der Denkmünze für Südwest-Afrika und des Allgemeinen Ehrenzeichens mit der Inschrift: Für Tapferkeit.

Am 10. November beehrte Herr Oberschulrat Block die Schule mit seinem Besuche und wohnte dem Unter- richt in allen Klassen bei. Am 15. Dezember nahm Herr Rabbiner Dr. Marx aus Darmstadt eine Religionsprüfung der israel. Schüler vor.

Die schriftlichen Arbeiten für die Abschlussprüfung wurden am 1.4. Februar angefertigt. Auch 5 Schüler der höheren Bürgerschule Neu-Isenburg beteiligten sich hieran.

Die mündliche Prüfung fand unter dem Vorsitz des Herrn Oberschulrates Block am 1. und 2. März statt. Sämtliche Prüflinge bestanden.

Zum Geburtstag Sr. Kgl. Hoheit des Grossherzogs hielten wir eine öffentliche Schulfeier ab, die sich eines zahlreichen Besüches erfreute. Herr Lehramtsassessor Otmar Kaltenhäuser hielt einen zeitgemässen Vortrag über die Entwicklung der Luftschiffahrt.

Dem Unterzeichneten wurde an diesem Festtage das Ritterkreuz des Philippsordens verliehen.

Am Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers, den wir im engeren Kreise der Schule feierten, sprach Herr Referendar Dr. Ehrmann in anziehender Weise über die Entwicklung des Buches.

Während der Herbstferien nahm Herr Assessor Schmidt in dankenswerter Hingabe eine Neuordnung der natur- wissenschaftlichen Sammlung vor.

Der Tag nach Grossherzogs Geburtstag war für die Gemeinde Gernsheim und unsere Schule besonders bedeu- tungsvoll: Donnerstag, den 26. November bewilligte der Stadtrat zu Gernsheim mit allen gegen eine Stimme 170,000 Mark zum Neubau einer Realschule; das Gebäude selbst soll so ausgeführt werden, dass es auch Raum bietet zur Entwicklung zu einer Oberrealschule.

Der Opfersinn und der weite Blick, den der Gernsheimer Gemeinderat in diesem Beschluss bekundete, sei auch an dieser Stelle anerkennend und dankend hervorgehoben.

Am 21. Dezember erläuterte Herr Regierungsbaumeister Ulrich in einer Sitzung des Lehrerrates die Baupläne für die neue Realschule. Seine klare Darlegungsweise fand allgemeine Anerkennung. Am 13. Januar hatten Herr Regierungsbaumeister Ulrich und der Unterzeichnete wegen des Bauplanes eine Besprechung auf dem Ministerium. In gleicher Angelegenheit sprach Herr Baurat Plitt, Grossh. Kreisbauinspektor in Gross-Gerau, dem die Oberleitung des Baues übertragen ist, am 20. Januar auf dem Ministerium vor.