— 15—
uns gemachten Erfahrungen nicht in Abrede ſtellen, daß in neuerer Zeit die Neigung, ein Handwerk zu lernen und zu betreiben, ab⸗ genommen hat: viel ſeltener, als früher, wird unſere Kaſſe um ihre Beihülfe angeſprochen und auch bei uns fehlen die Beiſpiele nicht, daß Manche das gelernte Handwerk wieder aufgegeben haben. Dieſe wie uns dünkt wenig erfreuliche Erſcheinung erklärt ſich zur Genüge daraus, daß heut' zu Tage ſchon ein kaum aus der Schule entlaſſener Knabe als Handarbeiter udgl. lohnende Beſchäfftigung, noch dazu in ihn ziemlich frei laſſenden Verhältniſſen, finden und dann auch ſpäter dieſe Beſchäfftigung, ohne an einen Ort gebunden zu ſein, mit nur um ſo größerem Gewinn fortſetzen kann, wogegen der Lehrling Jahre lang ſeine auch ſchon werthvolle Arbeit unter der nicht immer ſehr freund⸗ lichen Behandlung„des Meiſters und der Meiſterin“ verrichten muß, ſpäter aber, wenn er zum Geſellen und eigenen Gewerbsbetrieb ge⸗ diehen iſt, nur allzuoft mit Hunger und Kummer zu kämpfen hat und ſchließlich genöthigt iſt, ſein Handwerk aufzugeben und ſein Brod und das, was er zu dem Brod haben muß und glaubt haben zu müſſen, anderswo zu ſuchen.
Möglich, daß dieſe Verhältniſſe ſich ſpäter auch wieder einmal zu Gunſten der Erlernung und der Betreibung der Handwerke ändern; wenn ſie ſich aber auch ändern, auch für unſere Auſtalt und unſere Kaſſe ändern, ſo wird die letztere doch nie in die Lage kommen, das Zinserträgniß ihres Vermögens für die oben angegebenen Zwecke auf⸗ zubrauchen. Je größer aber der jährliche Ueberſchuß iſt, deſto mehr wächſt das Vermögen und wächſt, ohne daß es doch irgend Nutzen bringend verwendet werden kann. Unter dieſen Umſtänden wäre es vielleicht gerathen— und wir als Mitgrüͤnder der Kaſſe würden Nichts dagegen zu erinnern haben, wenn es geſchähe—, die Kaſſe nur bis zu einem gewiſſen Betrage, etwa 25,000 Mark, anwachſen und dann eine andere Kaſſe, etwa zur Einrichtung und Unterhaltung einiger Werk⸗ ſtätten bei der Anſtalt ſelbſt, in welchen wie die Mädchen in der Induſtrieſchule, die Knaben in mehreren wöchent⸗ lichen Stunden Unterricht in beſtimmten gewerblichen Arbeiten erhielten, abzweigen zu laſſen,— ein Gedanke, den wir jetzt nur flüchtig hinwerfen, auf den zurückzukommen wir aber jederzeit bereit ſind.—
2. Mathilden⸗ und Eliſabethen⸗Stiftung, ein Prämieufonds.
Nachdem am 3. Juni 1855 Ihre Königliche Hoheit die höͤchſt⸗ ſelige Großherzogin Mathilde in Begleitung Ihrer K. H. der Prinzeſſin Karl und der Prinzen Ludwig und Heinrich Gr. HH. ſammt Hohem Gefolge die Taubſtummen⸗Schule beſucht hatten, ließen Allerhöchſt⸗ dieſelben am Abend deſſelben Tages dem Director hundert Gulden für die Taubſtummen überreichen, welchem Gnadengeſchenk einige Tage ſpäter, als der Director den Höchſten Herrſchaften in Darmſtadt ſeine Aufwartung machte, genannte Frau Prinzeſſin noch dreißig Gulden


