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erhalten werden. Von Neujahr 1915 ab wurde Prof. Weissgerber zur Wiederherstellung seiner Gesundheit beurlaubt, und mit seiner Stellvertretung der Unterzeichnete beauftragt. Zugleich erhielt Referendar Müller⁵) die Verwaltung einer Lehrstelle, und so konnte eine neue geordnete Stunden- verteilung Platz greifen. Durch Vermehrung der englischen und französischen Stunden in den beiden oberen Klassen konnte noch manches Versäumte nachgeholt werden. Der kath. Religionsunterricht erfuhr eine Aenderung dadurch, dass Kaplan von Jungenfeld zum Verwalter der Pfarrei Friedberg ernannt und sein Religionsunterricht an unsrer Schule dem Kaplan Lindenschmit übertragen wurde, der bisher Kaplan bei Liebfrauen in Worms gewesen war. Herr Geheimer Oberschulrat Block besuchte die Schule Ende Oktober 1914 sowie am 18 Januar 1915, an welch letzterem Tage er dem Unterricht in allen Klassen beiwohnte.
Nach Möxglichkeit war natürlich auch unsre Schule bemüht, den besonderen Aufgaben der Zeit gerecht zu werden. Im Unterricht wurden alle Gelegenheiten benutzt, um die Schülerinnen in das Verständnis der gewaltigen Ereignisse einzuführen, die wir erleben. Besonders wichtige Vor- gänge auf den Kriegsschauplätzen wurden eigner Besprechung unterzogen, die Bedeutung unsrer schönsten Waffenerfolge durch Freigabe eines Schultags unterstrichen. Unter dem Eindruck des Krieges gestaltete sich die Feier von Kaisers Geburtstag zu einer aussergewöhnlich gehaltvollen Kundgebung. Frl. Naumann hielt die Festrede, die in unserem Kaiser den treuen Hüter des Friedens aber auch den gewissenhaften Führer des Heeres und den weitschauenden Begründer unsrer Flotte schilderte. Passende Deklamationen und Chöre umrahmten den YVortrag. Für die Verwundeten fand noch eine Wiederholung der Feier im Lazarett statt. Auch praktisch geschah von Seiten der Schule, was zur Unterstützung der Kriegführung irgend möglich war. Frl. Naumann setzte ihre Pflege im Lazarett auch nach Wiederaufnahme des Unterrichts an den Nachmittagen fort. Herr Kreutzer war während der schulfreien Tage nach den Herbstferien aut dem Finanzamt tätig. Der Unterzeichnete ist in Bad-Nauheim Mitglied der freiwilligen Sanitätskolonne. In den Handarbeits- stunden und auch in manchen durch das Fehlen der einberufenen Lehrer unbesetzten Stunden ar- beiteten die Schülerinnen fleissig an Liebesgaben. Sie stellten dem XVIII. Armeekorps 80 Paar Socken und 140 Paar Pulswärmer zur Verfügung, ferner wurden abgeschickt nach Saarburg 40 Paar Socken und 40 Paar Pulswärmer, an das Reg. Nr. 222 50 Paar Socken und 50 Paar Pulswärmer und 28 Paar Schiesshandschuhe. Zu Weihnachten gingen 41 Zehnpfundpakete an die Regimenter 168, Res. Reg. 116 und 221. sowie an das Feldlazarett Nr. 70 und das Eisenbahnregiment ab mit Strümpfen, Kniewärmern, Leibbinden, Kopfschützern, Esswaren, Tabak und Zigarren Im Anschluss an diese Liebesgabensendungen entwickelte sich zwischen den Empfängern und den Schülerinnen auch ein freundlicher Brief- und Kartenverkehr, der gar manche Einblicke in all das tun liess, was unsre wackeren Soldaten vor dem Feinde draussen erdulden und leisten. Auch zwischen der Schule und den im Felde stehenden Collegen wurden die Beziehungen aufrecht erhalten. Zur Aufklärung über die Ernährungsfrage wurden Flugblätter verteilt und besprochen und Kriegskochbücher verkauft. Die Schülerinnen zeigten nicht nur erfreuliches Interesse, sondern erzogen sich auch gegenseitig durch Kontrolle ihres Frühstücks. Nicht minder erfreulich war der Erfolg unsrer Aufforderung, sich an der Goldsammlung zu beteiligen. Sie ergab an unsrer Schule über 28 000 M. Die Sammlung für Sanitätshunde, der Verkauf von Postkarten für den vaterländischen Frauenverein u. a. Sammlungen wurden mit Eifer unterstützt. So konnten unsre Schülerinnen auch schon durch die Tat beweisen, was in ihnen an Liebe zu unserm schönen deutschen Vaterlande durch die Schule nach Kräften be- lebt worden war. Einen zeitgemässen Abschluss wird dieses kriegerische Schuljahr durch die Feier des hundertjährigen Geburtstages unsres gewaltigen ersten Kanalers ſinden..
³) Dr. Friedrich Christian Müller geboren am 5. III. 1891 zu Mainz. Er bestand die Reife- Teüfine am Realgymnasium zu Mainz an Ostern 1910, studierte 1 Semester in Giessen, 1 in Heidelberg, 1 in eipzig und nochmals 5 Semester in Giessen, bestand seine Staatsprüfung im Sommersemester 1914 für Deutsch 1, Französisch 1 und Englisch 1. Als Ersatz für die englische Hausarbeit wurde seine am 1. Juli preisgekrönte Arbeit über den„Formenbau des Nomens und Pronomens im Neuenglischen nach Grammatiken- zeugnissen“ angesehen, mit welcher er auch am 31. Juli promovierte. Infolge des Krieges wurde er schon am 31. August zur Ausbildung an die Oberrealschule in Mainz berufen Mit Beginn des neuen Schulhalbjahres kam er zur weiteren Ausbildung an Gr. Realgymnasium zu Mainz, wurde am 1. Dezember 1914 nach Langen und am 7. Januar 1915 nach Friedberg versetzt.


