Jahrgang 
1928
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3. Die Entwicklung der Aufbauſchule.

Mit Beginn des Schuljahres wurde die Klaſſe la neu errichtet; damit iſt die Anſtalt voll⸗ ſtändig ausgebaut, und dies gibt uns Veranlaſſung, einen kurzen KRückblick auf die Geſchichte der neuen Schule zu werfen.

Schon lange vor dem Krieg wurde eine gründliche Aenderung unſeres Schulweſens von vielen führenden Schulmännern gefordert. Die Erkenntnis, daß ſich Ausbildung und Erziehung in der Schule vornehmlich auf das deutſche Bildungsgut ſtützen müſſe, hatte ſich trotz aller Gegenſtrömungen weit verbreitet, ſelbſt bis in die Kreiſe derFreunde des Humaniſtiſchen Gymnaſiums hinein. Ernſt Troeltſch z. B. ſagt in einem Vortrag:Wir wollen deutſcher werden, als wir waren; das wird irgenowann und irgendwie ſicherlich mit unſerem Bildungs⸗ weſen geſchehen.(Ueber Humanismus und KNationalismus in unſerem Biloͤungsweſen, Vor⸗ 8955 ehazten am 8. 11. 1916 in der Vereinigung der Freunde des Humaniſtiſchen Gymnaſiums in Berlin.

Für dieſe deutſchere Bildung war ſchon Herder eingetreten, ſo beſonders in ſeinenFrag⸗ menten zur neueren deutſchen Literatur und in ſeinerSeereiſe. Angeregt war er wohl durch eine Schulrede von Johann Peter Müller, dem Rektor des Gymnaſiums in Halle, der bei der 200⸗Jahrfeier ſeiner Schule am 29. 8. 1765 ſprachVon der Hoffnung beſſerer Zeiten für die Schulen; und dieſebeſſeren Zeiten warendeutſchere Zeiten.

Es hat ſehr lange gedauert, bis ſich dieſer Gedanke ſo weit durchgeſetzt hatte, daß er in der amtlichen Feſtſetzung des Anterrichtsziels beachtet wurde. Beſonders gekämpft hat dafür der Deutſche Germaniſtenverband, der um 1910 gegründet wurde und der ſich nunGeſell⸗ ſchaft für Deutſche Bildung nennt. Ueben der Umgeſtaltung der Tehrpläne der be⸗ ſtehenden höheren Schulen wirdé eine neue Anſtalt verlangt, in der das beſondere Bildungsziel verwirklicht werden ſollte: Das Deutſche Gymnaſium, das ſpäterDeutſche Oberſchule ge⸗ nannt wurde. Dieſe Schule ſollte die Möglichkeit geben, die großen Schätze unſeres deutſchen Schrifttums zu heben. Die große Zeit des Mittelalters mit ihrem herrlichen und tiefen Schrift⸗ tum, mit ihren reichen Kunſtſchätzen ſollte, ſoweit ſie auch für uns heute noch lebendig werden kann, wiedererweckt werden. Das Ribelungenlied, Walter v. 6. Yogelweide, der große Wolfram, ſie ſollten unſerem heranwachſenden Geſchlecht ſo vertraut gemacht werden, wie das am Gymnaſium mit Homer, Sophokles und vielen anderen geſchieht. Die deutſche Kunſt ſollte an dieſer Schule Eingang finden, vor allem die deutſche Muſik, das Eigenſte, was uns von der Vorſehung gegeben worden iſt. Die deutſche Geſchichte, das deutſche VYolkstum, die deutſche Tansſchaft, deutſche Arbeit im Inland und im Ausland, die Pflege der deutſchen Sprache: das alles ſollte an dieſer Anſtalt mit ausreichender Stundenzahl bedacht werden. Aber auch an den bereits beſtehenden höheren Schulen ſollten dieſe deutſchkundlichen Fächer in ſtärkerem Maße vertreten ſein, und zwar ſo, daß die Einheitlichkeit unſeres höheren Schulweſens in Bezug auf die deutſche Bildung herbeigeführt werde.

Es iſt ein großer Gedanke, der hier um Verwirklichung ringt: die Einheit der deutſchen Bildung. Seit den Tagen der Renaiſſance klafft der Riß in der Bildung unſeres Volkes: hie klaſſiſch hie deutſch! And es iſt bezeichnend für uns, daß jahrhundertelang nichtklaſſiſche Biloung als Bildͤung überhaupt nicht anerkannt wurde. Ja, noch heute kann man im Ernſte die Meinung ausſprechen hören, daß es eine rein deutſche Bildung überhaupt nicht gäbe. Schon das 18. Jahrhundert hat dieſe Frage mit der ihm eigenen Gründlichkeit erörtert(Meier, Sulzer, Chomas Abbt, Herder); und es iſt Herder, der ſchon damals(vor den Zeiten Goethes und Schillers und Kants!) mit ſeiner ganzen Begeiſterung dafür eintritt.

Es iſt doch auch für ein Kulturvolk ſelbſtverſtändlich, daß es dieſe Einheit der Bildung hat; und falls es ſie nicht mehr hat, daß es ihr wiederum zuſtrebe. Das deutſche Volk des Mittelalters hatte dieſe Einheit der Bildung, ebenſo wie die Griechen, obwohl dieſe recht viel Fremdes in ihre Bildung aufgenommen hatten. Spätere Zeiten haben dann ſo viel Fremdes in die deutſche Bildung gebracht, daß man heute glaubt, dieſes Fremde nicht mehr ohne Schaden aus der deutſchen Bildung entfernen zu können. Man weiſt darauf hin, daß das Verſtändnis unſerer Klaſſiker ohne Kenntnis der altklaſſiſchen Sprachen nicht möglich ſei. Man verwechſelt hier philologiſches Verſtändnis mit künſtleriſchem Yerſtehen, Erleben. Sollten wirklich die vielen, vielen Millionen Deutſche, die kein Griechiſch und kein Tatein können, von dem Verſtänoͤnis der klaſſiſchen Dichtungen Goethes und Schillers ausgeſchloſſen ſein? Wenn dem ſo wäre, dann müßten wir es aufs tiefſte beklagen, daß unſere größten Dichter mit ihren