Jahrgang 
1874
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Laubgewinde zum Schmucke der Häuſer ausgehängt, und bald prangte die Stadt im feſtlichen Anzug. Gruppen erwartungsvoller Kinder durchzogen die Straßen oder ſtanden wie bunte Bilder an Kreuzwegen, um die frohen Hoffnungen gegenſeitig auszutauſchen.

Unterdes war Mittag vorubergegangen, und gegen ¾ 2 Uhr wurde auf der Mainzer Chauſſee, vor der Blinden⸗ und Taubſtummenanſtalt, der Zug aufgeſtellt. Die einzelnen Schulen waren von ihren Localen aus dahingezogen; jede Claſſe mit neuen deutſchen und heſſiſchen Fahnen und einem großen Stand⸗ ſchilde, welches bei der Ankunft auf dem Feſtplatze an der bezeichneten Stelle aufgepflanzt wurde, damit es bei jedem Signale den Zerſtreuten als Ziel beim Sammeln diente. Ein im Südweſten hängendes ſchweres Gewitter war ſo freundlich in eine andere Gegend zu ziehen und unſre Freude nicht zu ſtören. Um 21 ¼ Uhr ſetzte ſich der Zug in Bewegung, voran eine kleine Muſikbande, da der Verhältniſſe halber Militärmuſik nicht zu beſchaffen war; hinter der Muſik folgte das Wernerſche Mädcheninſtitut, dann die Blindenanſtalt, weiter Comitemitglieder, darauf die Claſſen der Muſterſchule, die katholiſche Volksſchule, die Taubſtummenanſtalt und zuletzt die Realſchule. Den Zug flankierten in dankenswertheſter Weiſe die beiden Feuerwehren der Stadt in Uniform, welche auch auf dem Feſtplatze einen großen Cordon um die Schulen zogen nnd ſo freien Raum ſchafften. So gieng es über diebreite Straße und durch die Burg nach der Seewieſe, die von der Seite der Kapelle her beſchritten wurde. Sobald der Zug den Feſtplatz erreicht hatte, donnerten die Böller von der Schießmauer her ihren Gruß, der aber fried⸗ licher klang als der Donnergruß feindlicher Heere am gleichen Tage drei Jahre zuvor bei Sedan. Nun wurden die Schildſtocke aufgepflanzt, und bald war der weite Raum von den Schülern, Eltern und Freunden dicht angefüllt, da die Schulen an 900 Köpfe, die Zuſchauer wohl 2 bis 3 Tauſend zählten. Alles gruppierte ſich nun um die Rednerbühne, die Schüler im Halbkreiſe darum, hinter dieſen die Er⸗ wachſenen. Die Feier begann..

Herr Lehrer Störger dirigierte den Eröffnungschor(wie auch ſpäter die anderen Lieder)Preis dem Vater. Nach Beendigung des Geſangs hielt der hier unterzeichnete Director der Realſchule die Feſtrede, nach deren Beendigung dieWacht am Rhein geſungen wurde, worauf ein Hoch auf Deutſch⸗ land ausgebracht wurde. Es mögen hier auch die weiteren Nummern des Programms angeführt werden:Freiübungen der Schüler,Ordnungsübungen derſelben; Geſäͤnge:Morgenroth,Ich hatt' einen Kameraden(wobei ſich auch das Publicum betheiligte);Turnſpiele. Pauſe: Bei Beginn der⸗ ſelbenVertheilung der Gaben; Geſänge:Alles ſchweige, jeder neige,Ich hab' mich ergeben; Spiele:Kletter⸗ und Schwebebanm, Sacklaufen, freie Spiele; Geſang:Deutſchland, Deutſchland über alles. Dichte Zuſchauergruppen umſtanden beſonders die Frei⸗ und Ordnungsübungen der Schüler, welche von den Herren Lang, Weinel, Heid, Landau, Billaſch aufs beſte dirigiert und von den Schülern mit großer Präciſion und Ausdauer ausgeführt wurden. Großen Beifall ernteten und Heiter⸗ keit erregten die freien Spiele der Elementarclaſſen unter der Leitung des Herrn Werner, der ſeine kleinen Knaben recht drollige Stückchen aufführen ließ. Die Theilnahme an dem Kletter⸗ und Schwebe⸗ baum u. ſ. f. war ſo eingerichtet, daß von jeder Anſtalt je eine Abtheilung den Turnus daran durch⸗ machte, während eine andere etwas anderes trieb, ſo daß hier den Zuſchauern ununterbrochen am ganzen Nachmittag eine Augenweide geboten wurde. Sehr erſprießliche Dienſte leiſteten dabei die Zöglinge des Schullehrerſeminars, welche dereinſt ähnlichen Feſten ordnend beiwohnen werden. Bei dem Beginne der großen Pauſe wurden mit freundlichſter Unterſtützung von Comitémitgliedern Bretzeln an die Schüler durch die Claſſenlehrer vertheilt, welcher Aet nicht nur die kleinen, ſondern auch die großen Schüler mit unverkennbarer Freude erfüllte, denn alle hatten wacker ausgehalten unter der recht warm ſcheinenden Sonne. Freilich hatte es dabei auch Durſt gegeben, und bald waren die Tummelplätze leer, und ſchwarze Maſſen umſtanden die zwei mit Getränken verſehenen Buden. Leider waren von Seiten der Wirthe keine ausreichenden Anſtalten getroffen worden Erfriſchungen zu reichen, und ſo muſte wohl manches Kind recht empfindlichen Durſt leiden, da an die beiden einzigen Orte ſich nun alles herandrängte. Nach dem gieng es mit erneuten Kräften auf die Plätze zurück, auf denen dann weiter geſpielt und geſungen wurde, bis der ſpäte Abend zum Aufbruch mahnte.

Um ½ 7 Uhr war der Zug in der bekannten Ordnung wieder aufgeſtellt, und ſo gieng es denn unter den luſtig ſchmetternden Tönen der Blechinſtrumente an der Kapelle vorüber zur Stadt zurück nach der ſog. Freiheit, wo nochmals ein Hoch auf das geliebte deutſche einige Vaterland ausgebracht wurde. Darauf giengen Schüler und Publicum auseinander, eine ſchöne Erinnerung an dieſen Tag mitnehmend und hoffend, daß in kommenden Jahren das Feſt in ähnlicher Weiſe ſich wiederholen möge, auf daß bei der Jugend, die einſtens mitthaten ſoll, ein vaterländiſcher Geiſt geweckt und genährt und gepflegt werde.