Jahrgang 
1874
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IV. Anhang.

Das Ingendfeſt am 2. September 1873.

Als Albumblatt bringen wir unſern Schülern die im vorigen Programme verſprochene Beſchreibung des oben genannten Feſtes, als des erſten der Art, welches darum einen beſonderen Anſpruch auf hervor⸗ hebende Erwähnung haben mag. 114

In uunſrer Stadt ſchwankten die Meinungen, welcher Tag der eigentliche Gedenktag der großen Ereigniſſe des Jahres 1870 ſein ſolle, nicht lange hin und her. Schon in den vorhergehenden Jahren war dieſer Tag in feierlicher Weiſe begangen worden, und allmählich war der Gedanke aufgetaucht und hatte immer feſtere Geſtalt angenommen, daß der 2. September ein wahrer Feſttag für das Volk werden müſſe. Die Feier muſte heraustreten aus den geſchloſſenen Räumen eines Banketſaales unter den freien Himmel, muſte alle Schichten des Volkes umfaſſen und ihren Geiſt alle Kreiſe durchdringen und die Herzen erfüllen laſſen. Den Mittelpunct dieſes Feſtes ſollte eine Feier bilden, die durch ihren heiteren unſchuldigen Charakter alle Gemüther befriedigen und das Aufwallen der Parteileidenſchaften verhüten möchte. So wurde denn nach dem Vorgang unſrer Nachbarſtadt Gießen ein Jugendfeſt in Ausſicht genommen und geplant und abgehalten, das, obgleich die Zeit zur Inſtandſetzung äußerſt kurz zugemeſſen war, dennoch glucklich ausfiel und Groß und Klein für einige Stunden feſſelte und uns allen eine ſchöne Erinnerung bleibt. 3 naat fitn

An den dem Feſte unmittelbar vorhergehenden Tagen fanden ſchon einzelne Vorübungen ſtatt, damit am eigentlichen Feſttage alles ſchön in einandergreifen und an rechter Stelle vor ſich gehen möchte. Das Zuſammenſein größerer Kindermaſſen erzeugte einen eigenthümlich heiteren Sinn, der ſich auch auf die zuſchauenden Erwachſenen erſtreckte und einen köſtlichen Vorgeſchmack für den ſehnlich erwarteten Tag abgab. Die nnſchuldige Freude auf den Kindergeſichtern, die voll Zuverſicht, d. h. im Grund ohne alle Gedanken und Bedenken demgroßen Tag entgegenſahen, erfuͤllte auch die Erwachſenen mit der ſtärkenden Sorgloſigkeit, wie ſie Glücklichen eigen iſt, trotzdem in einzelnen Stunden kleine Regenſchauer der muthwillig ſich tummelnden Ingend ein Ausrufezeichen in die Luft ſchrieben. Doch beim Wetter hilft alles Hoffen und Fürchten nichts, es muß hingenommen werden, wie es kommt. 9 An dem letzten Nachmittage(ſelbſt noch am Feſttagmorgen) gieng es beſonders munter auf der zum Feſtplatze beſtimmten Seewieſe zu. Ueberall ſägte und hämmerte es; die Gerüſte und Geräthe für Turn⸗ übungen und freie Spiele wurden gezimmert, die Plätze für die einzelnen Schulen abgepfählt, und was dergl. mehr. Dichte Kindermaſſen umſtanden die Arbeiter, denen ſie eifrig zuſahen und laut die Be⸗ ſtimmung der einzelnen Dinge einander erklärten; andere Gruppen trieben ſich in philoſophiſcher Un⸗ bekümmertheit ſpielend auf dem Plane umher, der allenthalben von Spaziergängern wie beſäet war, und über alles breitete ſich ein herrlicher Herbſthimmel aus, der die beſten Hoffnungen für morgen erweckte. Nachdem dann einzelne Gerüſte, wie z. B. der Kletterbaum fertig geſtellt waren, verſuchten ſchon manche ihre Kraft und Geſchicklichkett im voraus; ſelbſt ſolche, für die jene gar nicht beſtimmt waren, ſah man mit aufgeſchürzten Beinkleidern ſich an dem Stamm emporarbeiten, um oft ſchon in der Mitte, zuweilen noch fruͤher, unter dem ſchallenden Gelächter der Zuſchauenden wieder herabzugleiten. Dieß Treiben dauerte fort bis in die ſpäte Dämmerung, als ſchon die klare Mondſichel und die ſchimmernden Sterne auf alles niederſchauten. Spät erſt wurde es ruhig, und auch der hartnäckigſte Glücksverſucher muſte endlich abziehen.

So brach denn der Morgen des 2. September an. Blllerſchüſſe kündeten in aller Frühe der er⸗ wachenden Stadt die kommenden Dinge an, und vom Thurme der Burgkirche erſchallten die feierlichen Klänge eines Chorales, der von der Schellhaasſchen Kapelle den Bewohnern Friedbergs zum Morgen⸗ gruße gebracht wurde. Bald regte ſichs in den Straßen, die Flaggen wurden aufgezogen, Teppiche und